Bei den Freien Demokraten fällt die eigentümliche Diskrepanz zwischen der großspurig verkündeten Fortschrittlichkeit und der weit tristeren Realität auf. Bezeichnend ist die eklatante Schwäche der Freien Demokraten in sozialen Räumen und Gruppen, die eigentlich wie modelliert für das liberale Mantra "weltoffen, tolerant, leistungsorientiert" sind: die urbanen Zentren und dort besonders die hoch qualifizierten jungen Frauen.

Doch Partei der kreativen und urbanen Schichten sind nicht die Liberalen, sondern in erster Linie die Grünen. In den Großstädten lagen sie auch bei der Bundestagswahl 2009 klar vor der FDP. Nicht zufällig sind die Grünen nach Jahren der vollständigen Opposition im Bund und in den Ländern nun in den Stadtstaaten Bremen und Hamburg wieder in die Regierung zurückgekehrt, erst an der Seite der Sozialdemokraten, dann im Bündnis mit den Christdemokraten, womit sie die Rolle der Funktionspartei von den Freien Demokraten übernommen haben.

Für diese gab es in beiden Großstädten keinen koalitionspolitischen Bedarf; in Hamburg – wo ein weltoffener Liberalismus eigentlich die allerbesten Voraussetzungen vorfinden müsste – gelang den Freien Demokraten nicht einmal der Einzug in die Bürgerschaft. Auch in anderen bedeutenden Metropolen der Republik, wie München, Frankfurt, Berlin, ist die FDP machtpolitisch nicht mit von der Partie.

Westerwelles Freien Demokraten reden zwar anklagend von der "vergessenen Mitte" in Deutschland. Doch zumindest im urbanen Raum hat der parteipolitische Liberalismus diese Mitte selbst folgenreich vernachlässigt. Schließlich ist es nicht ohne Grund, dass die FDP gerade in den aktiven Jahrgängen, bei den 35- bis 59-Jährigen, besonders schlecht abschneidet. Vor allem bei den berufstätigen Frauen weist sie erhebliche Defizite auf. In den Großstädten liegt die Erwerbstätigkeit von Frauen erheblich höher als in Klein- oder Mittelstädten, die – etwa in Rheinland-Pfalz oder Baden-Württemberg – nach wie vor die Domäne der FDP bilden.

Mehr als noch vor einigen Jahren ist die Vereinbarkeit von beruflichen und familiären Anforderungen für großstädtische Frauen ein den Alltag beherrschendes Thema. Partnerschaften oder Alleinerziehende mit Kindern zieht es nun wieder in die Stadtkerne zurück; auch die besserverdienenden Angestelltenfamilien wohnen dort überwiegend zur Miete. Offenkundig hat dieses Milieu – vielfach weiblich, hoch qualifiziert, unter beruflichem wie familiärem Druck, zuweilen im Konflikt mit Vermietern stehend – nicht den Eindruck, dass die FDP Anwältin ihrer Interessen ist.

Während der letzten Jahre ist die Mitgliedschaft der FDP gerade in den größeren Städten massiv zurückgegangen, in Bremen und Hamburg seit 1990 um mehr als ein Drittel. Deutschlandweit beträgt der Frauenanteil unter den FDP-Mitgliedern nur 22,8 Prozent – so niedrig wie bei keiner anderen Bundestagspartei. Und einzig bei den Freien Demokraten ist der Frauenanteil auf Bundesebene seit Mitte der 1990er Jahre sogar konstant gesunken. Sämtliche Landtagsfraktionen der FDP werden von Männern angeführt. Sehr feminin wirkt der parteipolitische Liberalismus in Deutschland des Jahres 2010 jedenfalls nicht.

Schließlich existiert gerade bei Frauen zwischen 30 und 50 Jahren ein massives Interesse an einer Politik der Balancen, mit der die Anforderungen vielfältiger Rollenmuster auszuhalten und praktisch zu gestalten sind. Doch dominiert in der FDP ganz die Vorstellung vom Primat der Ökonomie, das die dem klassischen Liberalismus durchaus inhärente Philosophie der versöhnenden Vermittlung verschiedener Lebenswelten ersetzt hat.