Bundespräsident Horst Köhler hat als erster deutscher Bundespräsident seinen Rücktritt erklärt – ohne diesen Schritt mit der Regierung und den sie tragenden Parteien abgestimmt zu haben. Die Überraschung sei "flächendeckend", hieß es aus Regierungskreisen in Berlin. Der Rücktritt komme zu einem extrem ungünstigen Zeitpunkt: Das Land stecke mitten in der Euro-Krise. Zudem seien seit der NRW-Wahl die Mehrheitsverhältnisse in der Bundesversammlung ungeklärt und damit vollkommen offen, ob ein Kandidat der schwarz-gelben Koalition als Nachfolger gewählt werde.

Mit seiner Entscheidung sorgte Horst Köhler für Überraschung, Bedauern, aber auch Unverständnis – und ließ sich selbst von Bundeskanzlerin Angela Merkel nicht mehr umstimmen. Wie die CDU-Chefin in Berlin mitteilte, habe der Bundespräsident sie am Mittag um 12.00 Uhr – zwei Stunden vor seiner Rücktrittserklärung – "überraschend" angerufen. Sie habe noch versucht, ihn umzustimmen. "Das ist leider nicht gelungen", sagte Merkel und bedauerte die Entscheidung "aufs Allerhärteste".

Köhler sei in der Wirtschafts- und Finanzkrise ein wichtiger Ratgeber gewesen, sagte Merkel und fügte hinzu: "Ich habe Respekt vor seiner Entscheidung." Die Menschen in Deutschland würden sehr traurig über den Rücktritt sein. "Köhler ist ein Präsident der Bürgerinnen und Bürger gewesen." Er habe wichtige Arbeit für Deutschland geleistet und das Ansehen des Landes gestärkt, sagte Merkel, die ihren für den Abend geplanten Besuch im WM-Quartier der deutschen Nationalmannschaft in Eppan/Südtirol absagte.

Auch Vize-Kanzler Guido Westerwelle bedauerte den Rücktritt des Bundespräsidenten "aus vollem Herzen". "Aber wir haben sie natürlich auch zu respektieren", sagte der FDP-Chef. Das weitere Vorgehen werde nun " streng nach den Regeln unserer Verfassung " zu besprechen sein. Westerwelle sagte, Köhler habe ihn erst am Mittag über seine Entscheidung informiert. Er habe versucht, den Bundespräsidenten umzustimmen. "Aber der Herr Bundespräsident hat sich so entschieden." Aus Westerwelles Umfeld war zu hören, dass der Außenminister "wie vom Donner getroffen gewesen" sei.

So wie Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) und Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) bedauerte auch Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle Köhlers Entscheidung. "Ich bin sehr überrascht und erschüttert", sagte er. Gerade in der Finanzkrise, in der wirtschaftspolitischer Sachverstand und internationale Erfahrung gefragt seien, hinterlasse der frühere IWF-Chef Köhler eine große Lücke.

Auch die Opposition fand Worte des Bedauerns für die Entscheidung des Staatsoberhaupts. Der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel sagte, er habe wie die übergroße Mehrheit der Deutschen Köhlers Amtsführung immer sehr geschätzt. "Horst Köhler war kein bequemer Bundespräsident, und das wollte er erklärtermaßen auch nicht sein." Offensichtlich habe Köhler in den vergangenen Wochen den Eindruck gewonnen, dass er in der schwarz-gelben Koalition zu wenig Rückhalt gehabt habe. "Dieser Schritt ist nur erklärbar, wenn man sieht, wie stark ausgerechnet diejenigen, die Horst Köhler gewählt haben, ihm die Unterstützung entzogen haben", fügte der SPD-Vorsitzende hinzu.

Diesen Vorwurf wies Merkel in ihrer Erklärung zurück. "Köhler hat selbst zu seinen Worten Stellung genommen", sagte die Kanzlerin. Es sei gute Sitte der Verfassungsorgane, sich nicht gegenseitig zu interpretieren.

Bundesratspräsident Jens Böhrnsen, der vorübergehend die Amtsgeschäfte des Bundespräsidenten übernehmen wird, hat Horst Köhler Respekt gezollt. "Ich habe ihm meinen Respekt für seine Entscheidung ausgedrückt", sagte der Bremer Bürgermeister, der von Köhler informiert worden war. Dieser habe ihm erklärt, sagte der SPD-Politiker, "dass er den Rücktritt für unvermeidlich gehalten hat". Als Bürger sei er "traurig" über Köhlers Schritt.

Böhrnsens Parteikollege, Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit, zeigte sich "sehr überrascht" über den Rückzug Köhlers. Die Äußerungen des Staatsoberhaupts zum Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr seien sicher unglücklich gewesen, sagte er. "Ob sie für einen Rücktritt hinreichend waren, hat der Bundespräsident offensichtlich selbst entschieden."

Auch Linksfraktionschef Gregor Gysi findet Köhlers Rücktritt bedauerlich. "Ich glaube, dass er sein Amt souverän ausgeübt hat", sagte er. Dennoch hält Gysi diesen Schritt für "etwas übertrieben". Als Bundespräsident müsse man auch Kritik aushalten. Die Entscheidung spreche allerdings auch für Köhlers Charakter. Parteichefin Gesine Lötzsch sagte, der Rücktritt müsse auch Anlass ein, über die Außenpolitik Deutschlands nachzudenken. "Wenn der Rücktritt des Bundespräsidenten dazu führt, dass unsere Außenpolitik friedlicher wird, dann war das vielleicht ein gutes Signal."