Oskar Lafontaine schert sich nicht darum, dass er seine Redezeit schon für einige Minuten überzogen hat. Das hat ihn noch nie gestört. Er ist in seinem Element. Steht auf der Bühne der Rostocker Stadthalle, beugt den Oberkörper nach vorn, so dass er damit fast waagerecht über dem Stehpult liegt, ballt die Fäuste. Er gestikuliert, er brüllt, er flüstert – und tut eben das, was er am besten kann: Er hält eine politische Rede.

Es ist Lafontaines letzter Auftritt als Parteichef. Heute Nachmittag sollen Klaus Ernst und Gesine Lötzsch als Nachfolger-Duo gewählt werden. Lafontaine, inzwischen 66 Jahre alt, tritt nicht mehr an, ebenso wenig wie sein Co-Parteichef Lothar Bisky (68). Schon vor seiner Krebsoperation in diesem Frühjahr hatte Lafontaine signalisiert, dass er sich aus der ersten Reihe der Politik zurückziehen will.

Er hat in seinen drei Jahren als Parteichef viel erreicht, wie er mit kaum versteckten Stolz zu Beginn seiner Abschiedsrede auflistet : Die Linke ist im Bundestag inzwischen stärker als CSU und Grüne. Sie ist in 13 der deutschen Landtage vertreten. Und sie hat "als Korrektiv zur neoliberalen Politik", wie Lafontaine es nennt, auf die anderen Parteien eingewirkt, nicht zuletzt auf Lafontaines Ex, die SPD. "Wir haben die Politik stärker verändert als die Grünen in ihrer Anfangsphase", ruft er ins Auditorium – und die Genossen jubeln.

Was der Linken ohne Lafontaine künftig fehlen wird, wird an diesem Vormittag einmal mehr klar. Anders als sein Co-Parteichef Bisky, der vor Lafontaine spricht, versteht es Lafontaine, sein Publikum aufzuputschen. Bisky, der ablas und sich dabei oft vertat, war fünf Minuten vor seiner Redezeit fertig. Sichtlich erfreut, sie hinter sich zu haben. Lafontaine spricht dagegen komplett frei. Er vermag es, sein Publikum gleichzeitig zu empören und zu belustigen. Etwa, wenn er fordert, dass Guido Westerwelle "im Mövenpick-Trikot im Bundestag" erscheinen solle. Lafontaine mag polemisch und rechthaberisch sein. Aber langweilig ist er nie, auch heute nicht.

Dabei hat er nicht viel Neues mitzuteilen. Im Gegenteil. Seine Rede deckt sich in vielen Passagen fast wortgleich mit seiner nordrhein-westfälischen Wahlkampf-Rede. Es ist Lafontaines politisches Glaubensbekenntnis. Er fordert das, was er immer schon gefordert hat, einiges schon als SPD-Chef, anderes später als Kolumnist der BILD-Zeitung: eine schärfere Regulierung der Finanzmärkte, die Abschaffung von Hartz IV, mehr Rente, mehr Mitbeteiligung, mehr Macht den Arbeitern und Betriebsräten.

Lafontaine wünscht sich zum Ende seiner Rede nun "einen erfolgreichen Stabwechsel". Viele Zuhörer sind nicht sicher, dass der gelingt. Sie fürchten, dass ohne die beiden weithin akzeptierten Parteichefs Lafontaine und Bisky die Gräben, die quer durch die junge Partei laufen, offener zu Tage treten. Die designierten Parteichefs sind schließlich weder besonders beliebt noch charismatisch. Der Bayer Klaus Ernst ist in seinem eigenen Landesverband umstritten. Noch weniger anfangen mit ihm kann die ostdeutsche Basis: bei seiner letzten Wahl zum Vizevorsitzenden wurde der mitunter autoritär auftretende Gewerkschafter mit 60 Prozent abgestraft. Die Berlinerin Lötzsch gilt dagegen als zu ruhig und harmoniebedürftig.

Lötzsch und Ernst verkörpern die beiden Flügel, die 2007 in der Linkspartei fusioniert sind und die sich nach wie vor kritisch beäugen. Auf der einen, der pragmatischen Seite steht die zahlenmäßig fast doppelt so große PDS-Fraktion. Die ostdeutschen Landesverbände, oft mit Regierungserfahrung ausgestattet, kritisieren, dass die West-Linken zur Realpolitik unfähig seien. Entzündet hat sich der Streit einmal mehr am neuen Grundsatzprogramm, dessen Entwurf auf dem Parteitag beraten werden soll. Den "Realos" aus dem Osten ist dieser zu radikal. "Der Entwurf mixt Traditionssozialdemokratismus und Traditionskommunismus", sagt etwa der Berliner Landeschef Klaus Lederer. Er trage "den Gestus: Wir sind die einzig Guten, die anderen neoliberale Drecksäcke."