Die FDP hätte gute Gründe, über eine Ampel ernsthaft nachzudenken. Strategische zum Beispiel: In der Opposition profitierte sie noch davon, die Avancen von SPD und Grünen für ein gemeinsames Dreierbündnis abzulehnen. Sie wuchs, weil sie so als unkorrumpierbar galt und nicht von der CDU wich. Nur mit ihr glaubte sie ihr Hauptversprechen der letzten Jahre durchzusetzen zu können: die Steuersenkung.

Seit Oktober ist die FDP an der Macht. Seit Montag ist die Steuersenkung auf unbestimmte Zeit verschoben. Spätestens jetzt wäre es ratsam, sich nach neuen Partnern umzusehen. Anders als Union, SPD und Grüne steht die FDP derzeit ziemlich isoliert dar. Setzt sie weiterhin nur auf Schwarz-Gelb, könnte sie weitere Landesregierungen verlieren. Den Grünen ging es in der Schröder-Ära ähnlich. Sie haben daraus gelernt und sich machtpolitisch geöffnet, ohne ihren Markenkern einzubüßen.

Die FDP könnte auch staatspolitisch verantwortungsvoll argumentieren: Lieber beteiligt sie sich an einer Landesregierung, als sie den so gescholtenen "Extremisten" zu überlassen. Man könnte Inhalte durchboxen, Ministerien besetzen, den Koalitionspartner kontrollieren. All das ist wirkungsmächtiger und lukrativer als den vermeintlichen "Chaoten" das Ruder zu überlassen. Finanzpolitisch könnte sie sich auf dem wichtigsten Feld der nächsten Jahre profilieren, da das mit den Steuern ja jetzt erst mal vorbei ist: der Schuldenbekämpfung.

NRW-Wahl - Stephan-Andreas Casdorff über den Ausgang der NRW-Wahl Stephan-Andreas Casdorff, Chefredakteur des Tagesspiegels, über das selbstbewusste Auftreten der SPD-Parteioberen und die Möglichkeiten der Koalitionsbildung.

Es gibt auch gute Gründe gegen eine Ampel. Die FDP traut der SPD nicht. Sie fürchtet, die Genossen schmieden heimlich längst ein Linksbündnis. Tatsächlich scheint es die SPD allenfalls halb ernst zu meinen. Ein faires und gesichtswahrendes Angebot hat sie ihr noch nicht gemacht. Für sie ist die Ampel eine von drei Optionen, Pokermasse. Emotional durchaus nachvollziehbar, dass da viele Liberale lieber erhobenen Hauptes in die Opposition marschieren wollen.

Natürlich trennen auch einige zentrale Inhalte die FDP und das linke Lager. Man hat schließlich gegeneinander Wahlkampf geführt. Konsequent insofern, wenn man es bleiben lässt, sollte man partout nicht auf einen Nenner kommen. Allerdings: Würde man sich die Mühe machen, Kompromisse auszuloten, würde man welche finden. In der Schulpolitik, dem strittigsten Feld, sind Grüne, SPD und FDP nicht so weit entfernt, wie im Wahlkampf behauptet. Auch die FDP will die Hauptschule mit der Realschule fusionieren und längeres gemeinsames Lernen fördern.

Wenn man eine Ampel will, muss man sie vorbereiten, Gemeinsamkeiten vorher suchen und nicht negieren. Man sollte den Kontakt pflegen und sich nicht gegenseitig verteufeln. Insofern wurde der erste Fehler im Wahlkampf begangen, von beiden Seiten. Trotz des richtigen Vorsatzes, keine "Auschließeritis" zu betreiben, suchte man im Endspurt die totale Polarisierung.