Es war eine kaum verhohlene Drohung: Vor dem Poker um eine Große Koalition in Nordrhein-Westfalen hatte die SPD-Landeschefin Hannelore Kraft Neuwahlen nicht ausgeschlossen – gesetzt den Fall, die CDU lasse in den ersten Gesprächen die nötige Ernsthaftigkeit vermissen. Eine riskante Strategie, glauben Meinungsforscher, denn nach ihren Erkenntnissen würden die Wähler einen erneuten Urnengang kaum gutheißen. "Es gibt die weitverbreitete Erwartung, dass man sich gefälligst zusammenraufen soll", sagte Manfred Güllner vom Institut Forsa den Zeitungen der WAZ -Mediengruppe . Sollte es dennoch zu einer erneuten Wahl kommen, rechnet Güllner mit einer noch niedrigeren Beteiligung und prophezeite: "Die Großen würden beide verlieren, die Kleinen zulegen."

Auch Richard Hilmer von Infratest dimap sieht die Option Neuwahlen skeptisch. Er sähe zwar die SPD im Vorteil, weil sie mit Kraft die gefühlte Siegerin vom 9. Mai stellte und bewiesen habe, dass Rot-Grün in NRW fast wieder mehrheitsfähig sei, sagte Hilmer der WAZ -Mediengruppe. Zudem stünde für sie der Bundestrend günstig. Allerdings geriete die SPD im Fall von Neuwahlen "unter Begründungszwang, warum die Bürger schon wieder wählen sollen".

Zudem entspricht Hilmer zufolge die sozialdemokratische Forderung nach einem radikalen "Politikwechsel" nicht der allgemeinen Stimmung in NRW. Auch Güllner sagte, eine Große Koalition werde nicht "als etwas Schlechtes wahrgenommen." Selbst Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) gelte trotz seines Wahldebakels "nicht als Unsympath, der um jeden Preis weg muss".

Der Duisburger Politikwissenschaftler Karl-Rudolf Korte hingegen bezeichnete es als strategisch geschickt, dass Kraft vor den Sondierungsgesprächen mit der CDU immer wieder mit dem Selbstauflösungsrecht des Landtags winke. Allerdings ging er davon aus, dass Neuwahlen die Politikverdrossenheit "weiter verstärken" würden.

Der Chef der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di, Frank Bsirske, sprach sich für Neuwahlen aus. Dies würde klare Verhältnisse herbeiführen. "Die Umfragen bestärken insbesondere den Abwärtstrend für die FDP. Sie ist zu Recht als Klientelpartei in Verruf geraten", sagte er der WAZ -Mediengruppe.

CDU und SPD wollen sich am Donnerstag in Düsseldorf zu ersten Sondierungen treffen . Angesichts des knappen Wahlausgangs erheben beide Parteien den Führungsanspruch und wollen das Amt des Ministerpräsidenten besetzen. Ein rot-rot-grünes Bündnis war zuvor gescheitert . Um das nun bestehende politische Patt aufzulösen, hatte Kraft neben Neuwahlen am Dienstag auch eine weitere Variante ins Spiel gebracht – eine Minderheitsregierung. Dies seien zwar alles "rein theoretische Möglichkeiten", die sie beide nicht anstrebe, aber eben auch nicht ausschließe.