Nordrhein-Westfalen steht vor einem Regierungswechsel: Nach ersten Hochrechnungen ist die schwarz-gelbe Regierung abgewählt worden. Die CDU von Ministerpräsident Jürgen Rüttgers kommt nur noch auf 34,3 Prozent der Stimmen und erreicht damit ihr schlechtestes Ergebnis. Sie verliert mehr als 10 Prozentpunkte. Bei der Abstimmung 2005 waren die Christdemokraten mit 44,8 Prozent noch klar die stärkste Kraft und konnten mit der FDP die Regierungsgeschäfte übernehmen. Die Liberalen konnten leicht zulegen und kommen jetzt auf 6,7 Prozent (plus 0,5 Prozentpunkte).

Die SPD liegt leicht vor der CDU und konnte 34,5 Prozent der Wähler von sich überzeugen. Trotz der Verluste der Sozialdemokraten – 2005 kamen sie noch auf 37,1 Prozent – gibt es damit eine Chance für Rot-Grün. Dies vor allem deshalb, weil die Grünen deutlich hinzugewonnen haben. Sie konnten ihr Ergebnis verdoppeln und liegen nach 6,2 Prozent im Jahr 2005 nun bei 12,3 Prozent. Die Linkspartei zieht dank ihres Ergebnisses von 5,7 Prozent erstmals in den nordrhein-westfälischen Landtag ein.

Die Parteien hatten mit einem solch knappen Wahlergebnis gerechnet und haben sich deshalb – bis auf die FDP, die nur mit der CDU regieren will – mehrere Koalitionsoptionen offen gehalten . So schließen weder CDU noch SPD eine Große Koalition aus. Die Grünen sind bereit, auch mit der CDU über ein Regierungsbündnis zu verhandeln. Die SPD hat eine Zusammenarbeit mit der Linkspartei nicht ausgeschlossen, aber stets betont, die Linke sei nicht regierungsfähig.

Für SPD und Grüne steht ihr gemeinsamer Wahlerfolg aber bereits fest: Sie setzen auf eine rot-grüne Regierungskoalition. Die SPD sieht sich als klare Wahlsiegerin und will deshalb Koalitionsgespräche mit den Grünen aufnehmen. "Hannelore Kraft wird Ministerpräsidentin. Davon bin ich fest überzeugt", sagte der Generalsekretär der NRW-SPD, Michael Groschek. "Nach einer solch herben Niederlage ist der Ministerpräsident ein Ex-Ministerpräsident." Auch die Grünen wollen zusammen mit der SPD in die Staatskanzlei in Düsseldorf einziehen. "Wir werden als erstes Gespräche mit den sozialdemokratischen Kolleginnen und Kollegen führen", sagte der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen, Reiner Priggen. CDU und SPD lägen aber in der Prognose noch zu eng beieinander, um irgendein Bündnis ausschließen zu können. Ob es für ein Zweierbündnis – sei es Rot-Grün oder Schwarz-Grün – reichen könnte, sei noch fraglich.

Wahlverlierer Rüttgers übernahm die Verantwortung für die Niederlage seiner Regierung. "Dieser Wahlabend ist ein für die CDU in Nordrhein-Westfalen, auch für mich ganz persönlich ein bitterer Abend", sagte er vor Anhängern in Düsseldorf. "Ich persönlich trage die Verantwortung, die politische Verantwortung für dieses Ergebnis. Und ich will sie auch tragen." Ein "ganzes Bündel von Ursachen" habe zu dem schlechten Abschneiden beigetragen. Er sei von seiner Partei gebeten worden, nach der Wahl die notwendigen Gespräche mit anderen Parteien zu führen. "Dem will ich nachkommen, weil ich zutiefst überzeugt bin, dass es richtig und wichtig ist, dass Nordrhein-Westfalen weiter stabil regiert wird."

Die einzige große Wahl in diesem Jahr gilt auch als Stimmungstest für die schwarz-gelbe Bundesregierung von Kanzlerin Angela Merkel (CDU). Mit der Niederlage von Schwarz-Gelb in Nordrhein-Westfalen, verliert die Koalition in Berlin im Bundesrat keine Mehrheit mehr. Vize-Kanzler Guido Westerwelle gestand denn auch die Niederlage unumwunden ein. "Wir haben unsere Wahlziele nicht erreicht", sagte der FDP-Bundesvorsitzende und sprach von einem "Warnschuss" auch für die Regierungsparteien in der Hauptstadt.

Im bevölkerungsreichsten Bundesland waren knapp 13,3 Millionen Bürger zur Abgabe ihrer Stimmen aufgerufen – so viele wie noch nie bei einer Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen. Sie können sich zwischen 25 Parteien und 1174 Kandidaten entscheiden. Das Landesparlament hat regulär 181 Sitze. Die Zahl kann sich durch Überhang- und Ausgleichsmandate erhöhen.