Wenn Journalisten ihren Informanten nicht preisgeben wollen, sprechen sie von "Kreisen". Aus Kreisen wisse man oder habe man gehört, in Kreisen munkle man und sage so dies und jenes.  Aus solchen Kreisen ist zum Beispiel längst bekannt, dass Wahlpartys der Grünen weitaus angenehmer sind als etwa die der CDU, was nicht nur an der fehlenden Garderobenvorschrift liegt, sondern auch an der ansonsten zwanglosen, gutdraufen Atmosphäre. Gerade misslingt auf der Fernsehleinwand der Livebericht von Düsseldorfs Jungliberalen, und über so was lacht man hier in Berlin lauter als anderswo.

Nordrhein-Westfalen wählt einen neuen Landtag, und im Innenhof der Grünen Bundesgeschäftsstelle drängeln sich die Parteifreunde und Journalisten um Brezeln und belegte Vollkornbrötchen. Lachs kommt gut an, Schinken legt allgemach zu, Salami bisher mit absoluter Mehrheit, nur die Ei-Platte oxidiert noch unter der Fünfprozenthürde herum. Dazu gibt's Bio-Hefe-Weizen, in Halbliterflaschen. Man weiß ja nie, aber kennt natürlich die Umfragen, und die waren ja ganz gut: zwischen 9 und 12 Prozent. Mit Glück reicht's für Rot-Grün, hoffen die meisten. Was bedeutet, dass die schwarz-gelbe Koalition verliert, sowohl im Bundesrat als in der Wahrnehmung im Lande und "abgestraft" werde für ihr chaotisches erstes Regierungshalbjahr.

Abgestraft, so sagen das hier viele. Aber nicht mehr mit gramvoll verzogener Miene wie in den tristgrauen Bundestagsvormittagen, wenn Jürgen Trittin oder Renate Künast über die Wahl sprachen. Sondern nun beim Bio-Prosecco vor der Leinwand. Manch einer zählt gar siegesgewiss den Phoenix-Wahlcountdown runter: Zehn. Neun. "Ja, warm hier." Acht. "Phoenix? Haben die kein WDR?" Sieben. Sechs. "Die SPD holt wohl am meisten, Wetten." Fünf. "Der ARD-Typ steht im Bild." Vier. "Dieser neue Volvo hat schon sehr feminine Formen, wirklich zeitlos." Drei. Zwei. "Die zählen laut mit, das ist ja albern." Eins. "Ja, stimmt aber jetzt pssscht."

Eine Moderatorenstimme knurrt: "Nun die erste Prognose", und hinterher wird Claudia Roth es einen "knallgrünen Abend" nennen. Eine "Anerkennung von Glaubwürdigkeit statt Populismus und haltlosen Versprechen". Jemand wird in der Menge flüstern, dass das jetzt "eine echte Claudia" war, was gleichermaßen ihr grünes Kostüm (zuversichtsmetallic) oder ihre ruhige Stimme meinen könnte, die nicht mehr so kampfwütig dröhnt, als müsste sie den Fanblock von Hertha BSC in Wallung bringen. Zwölfeinhalb Prozent zeigt der grüne Hochrechnungsbalken. Mehrheit oder nicht? 34,5 für die SPD, desgleichen für die CDU. Rotgrün? Schwarzgrün? Jedenfalls: "Der Anfang vom Ende von Schwarz-Gelb", sagt Roth. Und viel, viel später, wenn das letzte Bio-Bier getrunken ist, wird sie das Rollkommando organisieren: "Dieter, fahr' zur Tanke!"

Nun, und was mit Rot-Rot-Grün? Im Fernseher freut sich die Linkspartei über ihre sechs Prozent. "Wir stehen hier in der Jugendherberge", meldet eine Reporterin, und da lacht die Grünen-Basis dann doch. "Ach süß, die Linkspartei", kichert einer, und plötzlich hat sich auch Jürgen Trittin in die Menge geschlingelt und wartet, dass die Kamera endlich fertig ist, damit er hineinsprechen kann: Dass der Wähler Glaubwürdigkeit belohnt hat. Dass er keine Kohlekraftwerke will. Und dass man jetzt mal sehen müsste, wie es weiter geht.

Trittin steht da, wie seine Partei bald in den Koalitionsverhandlungen auftreten kann: leicht schunkelnd. Gelassen.