Wo bleibt Jürgen Rüttgers? Die Gäste auf der Wahlparty der CDU werden allmählich ungehalten. Die Stimmung ist ohnehin miserabel. Vierzig Minuten sind seit der ersten Hochrechnung vergangen. Die Union hat gewaltig verloren: minus elf Prozentpunkte. Schwarz-Gelb in Düsseldorf ist abgewählt. Auf den Fernsehschirmen sieht man jubelnde Sozialdemokraten, euphorische Grüne, aufgekratzte Linke. Alle anderen Spitzenkandidaten haben schon gesprochen. Nur von Rüttgers fehlt jede Spur.

Der Ministerpräsident sitzt nur wenige Meter von seinen trauernden Gästen entfernt. Er hat sich in der Landesgeschäftstelle der CDU verschanzt. Seit dem Nachmittag weiß er, dass es für seine Regierungskoalition nicht mehr reichen wird. In den Stunden vor der ersten Hochrechnung klammert er sich an den letzten Strohhalm. Man hofft, dass es für die CDU wenigstens für "den ersten Platz" reicht. Dann könnte er sich womöglich noch in eine Große Koalition oder in ein Bündnis mit den Grünen retten.

Aber danach sieht es in den ersten Hochrechnungen nicht aus. Die SPD liegt knapp vorn. Der CDU droht die Opposition. Rüttgers bietet dem Landesvorstand seinen sofortigen Rücktritt an. Aber der Rücktritt wird abgelehnt, vorerst. Rüttgers erhält den Auftrag, mögliche Sondierungsgespräche zu führen.

"Ich nehme mir jetzt erst mal was zu trinken."
Umweltminister Norbert Röttgen auf die Frage, ob er Jürgen Rüttgers im Parteivorsitz nachfolgen will

Um 18.42 Uhr betritt Rüttgers endlich die Bühne. Er kommt durch eine Hintertür ins Festzelt. Mit ihm zwängen sich seine Frau und mindestens ein Dutzend nordrhein-westfälischer CDU-Politiker auf das Podium. In der Politik soll so etwas Geschlossenheit und Rückhalt zum geschwächten Chef symbolisieren. Geschwächt sieht Rüttgers tatsächlich aus. Schon in den letzten Wahlkampf-Tagen verrieten seine Mimik und Körpersprache, dass er nicht mehr an den Sieg glaubt. Mit starrem Blick absolvierte er Termine, die Wangen eingefallen, kaum ein Lächeln, und wenn doch, dann ein künstliches.

So sieht Rüttgers auch an diesem Abend aus, nur noch niedergeschlagener. Dass seine SPD-Herausfordererin populärer ist als er selbst, wie eine Umfrage am Wahltag ergibt, kränkt ihn. Dass fast doppelt so viele Arbeiter diesmal SPD gewählt haben und nicht ihn, den selbsternannten Arbeitnehmerführer, zerschlägt seine strategische Ausrichtung.

Es sei ein "bitterer Abend", auch für ihn persönlich, sagt Rüttgers zu seinen Parteifreunden. Er spricht langsam und macht viele Pausen. Viel hat er auch nicht zu sagen. Der Ministerpräsident ist mit seinem Latein am Ende.

In dem zweiminütigen Statement betont Rütgers dreimal, seine "Verantwortung" zu kennen und sie auch tragen zu wollen. Was heißt das? Ein Rücktritt auf Raten? Die Spekulationen haben jedenfalls begonnen. Klar ist, dass Rüttgers die CDU nicht als Juniorpartner in eine Große Koalition führen wird. Sein Integrationsminister Armin Laschet ist Kandidat für einen solchen Vize-Posten.