"Über Schwarz-Grün redet man nicht, Schwarz-Grün macht man." Dieser alte Spruch der langjährigen grünen Umweltministerin in NRW, Bärbel Höhn, hat nichts an Aktualität eingebüßt. Er ist die heimliche Parole des diesjährigen Wahlkampfs in Nordrhein-Westfalen. Anders als noch vor ein paar Monaten sprechen die christdemokratischen und grünen Spitzenpolitiker nun in der heißen Phase nicht mehr gern darüber. Sie werben für ihre jeweilige Erst-Option: die CDU für Schwarz-Gelb, die Grünen für Rot-Grün. Man will weder die Wähler noch den traditionellen Koalitionspartner unnötig erschrecken.

Sollte aber keine der klassischen Allianzen am 9. Mai eine Mehrheit erhalten – und danach sieht es seit Wochen in den Umfragen aus – könnte Schwarz-Grün schnell eine konkrete Zweitoption werden. Schließlich beträte man kein absolutes Neuland. In 25 Städten und Kommunen regieren CDU und Grüne bereits gemeinsam, und das meist ziemlich harmonisch. Wo man auch hinhört, selten haben die Lokalpolitiker das Anbandeln mit dem einstigen politischen Gegner bereut.

Als schwarz-grüne Musterkommune gilt Lohmar. Ein 30.000-Einwohner-Städtchen, 30 Kilometer südöstlich von Köln. Dort regieren die beiden Parteien bereits in der zweiten Legislaturperiode. Das haben bisher wenige der schwarz-grünen Bündnisse geschafft. Andernorts wurde die Koalition bei der nächsten Wahl meist abgestraft, in Lohmar hingegen legten beide bei der jüngsten Kommunalwahl noch einmal zu. Die Grünen erzielten mit fast 30 Prozent ihr bestes Ergebnis in ganz NRW. Und die Lohmarer CDU war die einzige, die gegen den Trend nicht an Stimmen einbüßte im Rhein-Sieg-Kreis (der übrigens auch von Schwarz-Grün regiert wird, obwohl es eine schwarz-gelbe Kreismehrheit gäbe).

NRW-Wahl - Schwarz-Grün in Lohmar: Das Geheimnis von Schwarz-Grün Warum funktioniert die Koalition so harmonisch? Horst Kybus von der CDU und Horst Becker von den GRÜNEN im Interview.

Warum also funktioniert das Bündnis zwischen den früheren Konservativen und den einstigen Revoluzzern gerade hier so gut? "Die handelnden Personen vertrauen sich. Man muss sich auch Erfolge jönnen", sagt Horst Kybus, der Fraktionschef der Lohmarer CDU im fröhlichen rheinischen Dialekt. Er empfängt im Rathaus, ohne Krawatte, und erzählt von den ersten Annäherungsversuchen. Wichtig sei dafür zweierlei gewesen: In seiner CDU fand vor ein paar Jahren ein Generationswechsel statt. "Das junge Team", wie Kybus es nennt, habe "weniger Vorbehalte" gegen die Grünen, die ihrerseits älter und reifer geworden sind. Das seien eben nicht mehr die "Ökos im Wollpulli" gewesen, sondern ganz pragmatische Leute.

Inzwischen gibt es sogar so etwas wie eine schwarz-grüne Agenda. Den Themen der jeweils anderen könne man durchaus etwas abgewinnen. Die CDU hat sich mit Ganztagsschulen und Kleinkinder-Betreuungseinrichtungen angefreundet. Das alte Hausfrauen-Ideal pflegt Kybus' Generation nicht mehr. Entsprechend investiert Lohmar konsequent in Nachmittagsangebote und Krippenplätze. Außerdem hat man begonnen, die Häuser energetisch zu renovieren, was dem Nachhaltigkeitsgedanken beider Partner entspreche. Auf der anderen Seite würden sich die Grünen nicht mehr gegen neue Gewerbegebiete und andere Maßnahmen der Wirtschaftsförderung sperren. Stolz zeigt der CDU-Fraktionschef auf eine Baugrube. Davon gibt es hier einige.

Besonders idyllisch ist das Städtchen nicht. Tausende Autos brettern am Tag die Hauptstraße entlang. Ein Ort ohne Stadtkern, dafür mit viel Durchgangsverkehr. Hört man ausnahmsweise keinen Autolärm, liegt das daran, dass gerade ein Flugzeug tief über Lohmar hinweg donnert. Der Protest gegen den Kölner Flughafen, in dessen Einflugschneise man liegt, hat die Grünen hier so stark gemacht.

Kybus' Pendant, der örtliche Grünen-Chef Horst Becker, weilt an diesem Vormittag in Siegburg, fünf Autominuten von Lohmar entfernt. Siegburg ist eine richtige Stadt, mit Fußgängerzone und einem schönen Marktplatz. Dort findet gerade eine Wahlkampfveranstaltung der Grünen statt. Die Parteivorsitzende Claudia Roth steht unter einer Linde und schimpft auf Ratingagenturen und Rüstungslieferungen. Ihr Zuhörer tragen Seidenschals und Designerbrillen. Hier geht es nicht um Kommunal-, sondern um die Weltpolitik.