Der Senior mit dem roten Schal ist schwach optimistisch: "Ich hoffe schon, dass es klappt", sagt der Genosse im Berliner Willy-Brandt-Haus, als die Moderatoren auf den Fernsehschirmen die erste Wahlprognose ankündigen, "aber ich weiß nicht...".

Der Mann, langjähriger Gewerkschaftsführer und Betriebsrat in Berlin, sollte nicht enttäuscht werden: Flankiert von seinen Stellvertretern, kann der SPD-Bundesvorsitzende Sigmar Gabriel Minuten später fast 35 Prozent für die SPD Nordrhein-Westfalens  verkünden . Das sind zwar zwei Prozentpunkte weniger als zur Wahl 2005. Aber es ist mehr als erwartet.

Die schwarz-gelbe Regierungsmacht im einstigen SPD-Stammland ist nach nur einer Wahlperiode gebrochen , die Entscheidungsmacht von Union und Liberalen im Bundesrat ist dahin. Der SPD-Bundesvorsitzende verkauft das als "guten Tag für Nordrhein-Westfalen" und verkündet unter frenetischem Applaus den "Wahlsieg von Hannelore Kraft", der SPD-Spitzenkandidatin. Nach der Abwahl des von Käuflichkeitsvorwürfen geplagten CDU-Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers werde wieder "Anstand in die Staatskanzlei einziehen", ruft Gabriel. Und kündigt schon einmal einen Wechsel in der Bildungspolitik im Lande an.

Gabriel ist erleichtert: "So einen Abend hatten wir lange nicht hier", sagt er nach seiner 12-Minuten-Siegesrede im kleinen Kreis und lässt den Blick über die Menge der fast 1700 Besucher in der Bundeszentrale schweifen. Denn mit dem 9. Mai 2010 kann die Partei nun, nach Jahren komplizierter Führungswechsel, des Niedergangs bei Landtags- und bei Bundestagswahlen den Ansatz einer Trendwende verkünden.

Das nutzt Gabriel weidlich aus: Aus dem Sturz Rüttgers' und seines Koalitionspartners FDP leitet er das Ende von Schwarz-Gelb im Bund ab. Das nordrhein-westfälische Ergebnis sei ein "Stoppsignal" für die Merkel-Regierung, die gemeinsam mit den Liberalen "Politik gegen die Menschen organisiert" habe. Doch zugleich warnt er die eigenen Leute vor zu viel Optimismus und appelliert, sich nicht in Sicherheit zu wiegen: "Lasst uns nicht übermütig werden. Die Arbeit fängt jetzt erst an."