Der rot-grüne Präsidentschaftskandidat Joachim Gauck hat Kritik der Linkspartei und deren Anwärterin auf das höchste Staatsamt, Luc Jochimsen , zurückgewiesen. Der frühere Bürgerrechtler und langjährige Leiter der Stasi-Unterlagenbehörde wandte sich energisch gegen die Aussage Jochimsens, er sei unversöhnlich gegenüber den ehemaligen Bürgern der DDR. "Das ist so neben der Wirklichkeit, dass ich mich darüber schon gar nicht mehr aufregen kann", sagte er dem Hamburger Abendblatt . "Totale Ablehnung gegenüber der Diktatur bedeutet doch nicht, dass man die Menschen abwertet, die unter dieser Diktatur gelebt haben. Das ist eine bösartige Unterstellung."

Der stellvertretende Fraktionschef der Linken im Bundestag, Bodo Ramelow, warf Gauck sogar vor, dieser sei nur eingeschränkt demokratiefähig. Der Kandidat grenze eine erfolgreiche Partei aus. Er sehe kein Werben Gaucks um Stimmen der Linken in der Bundesversammlung in einem späteren Wahlgang. Ähnlich äußerte sich ein Sprecher der thüringischen Landtagsfraktion. Gauck sei als "Nationalstolz-Typ" nicht wählbar.

Auch die Führung der Linkspartei hat sich gegen jegliche Unterstützung des 71-Jährigen am kommenden Mittwoch ausgesprochen. Die Parteivorsitzende Gesine Lötzsch begründete dies mit Gaucks wohlwollenden Äußerungen zum Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr. "Für die Linke steht fest: Joachim Gauck ist nicht unser Kandidat, und es gibt nichts, was uns vom ersten zum dritten Wahlgang so ändern könnte", sagte sie.

Dass er Bundespräsident wird, hält Gauck angesichts der schwarz-gelben Mehrheit in der Bundesversammlung ohnehin für unwahrscheinlich. Mit Blick auf einen möglichen dritten Wahlgang am kommenden Mittwoch sagte er allerdings, er habe gelernt, "dass es unglaubliche Überraschungen gibt im Leben, die nahezu an ein Wunder grenzen." Es gilt als möglich, dass der niedersächsische Ministerpräsident und schwarz-gelbe Kandidat, Christian Wulff, trotz Mehrheit von Union und FDP in den ersten beiden Wahlgängen nicht die erforderliche absolute Mehrheit erzielt, so dass Gauck dann im dritten Durchgang die einfache Mehrheit gegenüber Wulff erreichen könnte.

Am Dienstag will der frühere Bürgerrechtler dennoch die Linksfraktion im Bundestag besuchen, um sich vorzustellen. Denn ganz so einmütig wie von der Linksparteivorsitzenden Lötzsch dargestellt, ist die Position der Linken in der Frage nach einer möglichen Wahl Gaucks nicht. Linken-Fraktionsvize Dietmar Bartsch sprach sich beispielsweise dafür aus, sich das Abstimmungsverhalten in einem dritten Wahlgang offenzuhalten. Sollte es wider Erwarten zu einem solchen kommen, "werden wir uns verständigen", sagte er der der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung . "Sich schon jetzt für einen möglichen dritten Wahlgang festzulegen, ist politisch wenig klug."

Der Nachfolger des zurückgetretenen ehemaligen Bundespräsidenten Horst Köhler wird am 30. Juni von der Bundesversammlung in geheimer Abstimmung gewählt. Das Gremium besteht aus den Mitgliedern des Bundestages und der gleichen Anzahl von Delegierten, die von den Landesparlamenten gewählt werden. Darunter sind auch bekannte Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, nicht nur Landtagsabgeordnete.

Von den 1244 Wahlmännern und Wahlfrauen entfallen auf Schwarz-Gelb 644 Sitze – das sind 21 Stimmen mehr als die absolute Mehrheit von 623 Stimmen. Kann ein Kandidat diese im ersten und zweiten Wahlgang nicht erringen, gibt es eine dritte Abstimmung. Hier reicht die einfache Mehrheit: Es gewinnt, wer die meisten Stimmen erhält.