SPD und Grüne schicken den früheren Chef der Stasi-Unterlagenbehörde, Joachim Gauck, ins Rennen um die Nachfolge von Horst Köhler. Auch die Linke plant einen Gegenkandidaten. 

SPD und Grüne hatten nach dem überraschenden Rücktritt von Bundespräsident Horst Köhler am Montag dafür geworben, eine überparteiliche Persönlichkeit zum neuen Staatsoberhaupt zu wählen. Mit der Nominierung des niedersächsischen Ministerpräsidenten Christian Wulff (CDU) hat sich diese Erwartung jedoch zerschlagen.

Die Grünen reagierten enttäuscht auf die Nominierung des Niedersachsen. Wulff stehe nicht für einen Neuanfang an der Spitze des Staates, teilten die Grünen-Parteichefs Claudia Roth und Cem Özdemir am Donnerstag mit. "Bundeskanzlerin Merkel hat die Chance vertan, auf die ernste Situation mit einer allseits respektierten Persönlichkeit an der Staatsspitze zu antworten." Die schwarz-gelbe Kandidatenkür sei von Machtpolitik und Parteienklüngel geprägt. Die Kandidatur des 50-Jährigen sei "Ausdruck eines Kniefalls von Angela Merkel vor den konservativen Hardlinern in der eigenen Partei." An diesem Trauerspiel würden sich die Grünen nicht beteiligen, schrieben Roth und Özdemir.

Gauck dagegen sei auch ein Angebot an die Koalition, "von einer parteipolitisch motivierten Kandidatur abzusehen", sagte Bundestags-Vizepräsident Wolfgang Thierse den Stuttgarter Nachrichten . Mit seiner besonderen Vertrauenswürdigkeit und Unabhängigkeit erfülle Gauck die wichtigsten Voraussetzungen für das höchste Staatsamt, so der SPD-Politiker.

Gauck soll am heutigen Freitag offiziell als Kandidat beider Parteien vorgestellt werden. Für ihn ist die Nominierung Ehre und Herausforderung zugleich. Er sei spreche seit Jahren darüber, dass man Verantwortung akzeptieren und annehmen müsse, sagte der 70- jährige Gründungschef der Stasiunterlagen-Behörde der Nachrichtenagentur dpa. "Wenn ich jetzt eine solche Anfrage bekomme für das höchste Amt – soll ich da Nein sagen?"

Von Gaucks Kandidatur erhofft sich Rot-Grün in der Bundesversammlung auch Stimmen von Ostdeutschen aus dem Koalitionslager. Von der Linkspartei wird Gauck dagegen keine Stimmen bekommen – sie will sogar einen eigenen Kandidaten aufstellen. Wie dpa aus Parteikreisen erfuhr, wollen die Vorsitzenden Klaus Ernst und Gesine Lötzsch den Parteigremien ein solches Vorgehen vorschlagen. Ein Name wurde noch nicht genannt. In "den nächsten Tagen" werde ein geeigneter Kandidat gesucht, hieß es.