"Mit sofortiger Wirkung" trat Bundespräsident Horst Köhler vor vier Wochen zurück und hinterließ ein Vakuum an der Spitze des Landes. Dies soll heute wieder gefüllt werden: Die Bundesversammlung kommt am Mittag im Berliner Reichstag zusammen, um ein neues deutsches Staatsoberhaupt zu wählen.

Zur Wahl stellen sich vier Kandidaten: Union und FDP nominierten den niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff (CDU), dem die größte Chance eingeräumt wird. SPD und Grüne schickten den Theologen, DDR-Bürgerrechtler und früheren Bundesbeauftragten für die Stasiakten, Joachim Gauck , ins Rennen, die Linkspartei stellt die Publizistin und Bundestagsabgeordnete Luc Jochimsen zur Wahl, die NPD den nationalistischen Liedermacher Frank Rennicke.

Die Koalitionsparteien haben in der Bundesversammlung 644 Stimmen – 21 Stimmen mehr als die absolute Mehrheit. Diese ist das notwendige Quorum im ersten Wahlgang und auch in einem möglichen zweiten. Erst im dritten reicht die einfache Mehrheit.

Somit hat Wulff die besten Chancen, neuer Hausherr im Schloss Bellevue zu werden. Er selbst gab sich optimistisch: "Ich bin ganz zuversichtlich, dass es gelingen wird, der zehnte Bundespräsident zu werden", sagte Wulff. Unionsfraktionschef Volker Kauder (CDU) rechnet "mit einem überzeugenden Ergebnis" für den eigenen Mann. "Es klappt auf jeden Fall", sagte er nach einer Sitzung der Wahlleute. "Wenn nicht im ersten Wahlgang, dann klappt's im zweiten." CSU-Landesgruppenchef Hans-Peter Friedrich ergänzte, "Wir haben eine Mehrheit von 21 Stimmen, das müsste eigentlich ausreichen."

Grund für die Zweifel, dass Wulff nicht gleich im ersten Durchgang gewählt wird, sind Wahlleute aus der FDP, die erklärtermaßen nicht für den Kandidaten der Koalition, sondern für Gauck stimmen werden. Parteichef und Vizekanzler Guido Westerwelle rechnet mit drei bis vier Abweichlern, aber dennoch mit einer "sehr, sehr, sehr großen Mehrheit" für Wulff. CSU-Chef Horst Seehofer geht ebenfalls davon aus, dass Wulff der nächste Bundespräsident wird. Der bayerische Ministerpräsident sagte, er gehe "sehr gelassen" in die Bundesversammlung. Die zehn Vertreter der Freien Wähler aus Bayern kündigten an, für Gauck zu stimmen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hob am Vorabend noch einmal die Bedeutung des Wahltags hervor. "Wir haben morgen nicht mehr und nicht weniger zu tun, als unser Staatsoberhaupt zu wählen", sagte sie bei einem Empfang für die Wahlleute der Union. Die CDU-Chefin betonte zugleich die Bedeutung des Amtes. "Dieses Amt ist kein Amt, das sich für taktische Finessen eignet", sagte sie. "Dieses Amt ist ein Amt, das mit Herz und Verstand und Kopf, politischer Erfahrung und Liebe zu den politischen Parteien ausgefüllt werden sollte."

Koalitionskandidat Wulff – mit seinen 51 Jahren wäre er der jüngste Bundespräsident in der Geschichte der Republik – würde mit seiner jungen Familie ins Berliner Schloss Bellevue ziehen. Die Kanzlerin sieht darin auch den Beginn einer neuen Ära. "Ich stell' mir das wunderschön vor, wenn ein Kinderlachen durch Schloss Bellevue geht, wenn's da ein bisschen zackiger zugeht", sagte sie.

Dass dies so kommen wird, damit rechnet auch die Opposition. Zwar konnten sich SPD und Grüne in den letzten Wochen über eine große Sympathie für ihren Kandidaten Gauck freuen. Letztlich rechnet man jedoch nicht mit einem Wahlerfolg. Die Erfolgsaussichten Gaucks seien angesichts des komfortablen Vorsprungs der Koalition "sehr überschaubar", hatte SPD-Fraktionsgeschäftsführer Thomas Oppermann gesagt . Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) warf der Kanzlerin vor, einen überparteilichen Kandidaten verhindert zu haben. Es habe die Chance gegeben, einen gemeinsamen Kandidaten von Regierung und Opposition zu nominieren.

Gauck selbst hält seinen klar favorisierten CDU-Gegenkandidaten für das höchste Staatsamt geeignet. Es gehe bei dieser Wahl nicht um eine Entscheidung zwischen "Gut und Böse", sagte der 70-jährige Theologe. "Wir werden morgen alle gewonnen haben", fügte er mit Blick auf die Abstimmung hinzu. Der Kandidat von SPD und Grünen hatte sich zuvor mit den Delegierten der Grünen für die Bundesversammlung getroffen.

Gauck hat nur in einem dritten Wahlgang eine reelle Chance und auch nur, wenn dann viele Wahlleute der Linkspartei für ihn stimmen. Wegen gravierender inhaltlicher Differenzen mit dem früheren DDR-Bürgerrechtler gilt dies aber als unwahrscheinlich. "Wir haben gemerkt, dass unsere zentralen Fragen, Afghanistan und die Sozialpolitik, von ihm anders bewertet werden als von uns", sagte die Vorsitzende Gesine Lötzsch. Zudem sei Gauck "ein Angebot an die CDU, und nicht an uns".

So wie Lötzsch rechnet auch Fraktionschef Gregor Gysi erst gar nicht mit einem dritten Wahlgang. "Die Koalition werde nicht zulassen, dass die Linkspartei über den künftigen Bundespräsidenten mitbestimmt", sagte Gysi. Sollte es doch dazu kommen, plädierte sein Vize Dietmar Bartsch allerdings dafür, eine Zustimmung zu Gauck bereits vor einem möglichen zweiten Wahlgang zu diskutieren.

Sollte Wulff tatsächlich gewählt werden, würde der 51-Jährige als Ministerpräsident von Niedersachsen mit "sofortiger Wirkung" zurücktreten. Dazu würde er die Amtsgeschäfte vorübergehend seinem Stellvertreter, FDP-Wirtschaftsminister Jörg Bode, übertragen. Nach der Wahl hält der Gewählte seine erste Ansprache als Bundespräsident. Das neue Staatsoberhaupt wird dann am Freitag in einer gemeinsamen Sitzung von Bundestag und Bundesrat vereidigt.