Claudia Roth ist ganz aus dem Häuschen. "Mann war der gut", die Parteichefin der Grünen strahlt noch mehr als sonst. Mit ausgebreiteten Armen steht sie auf dem Vorplatz des Deutschen Theaters in Berlin und umarmt jeden, den sie zu fassen bekommt. Hinter ihr liegt die Vorstellungsparty des rot-grünen Präsidentschaftskandidaten Joachim Gauck. Er hat im feierlichen Rahmen eine einstündige Grundsatzrede gehalten.

"Der andere" tue ihr jetzt schon leid, sagt Roth. Damit meint sie Christan Wulff, den Kandidaten von CDU und FDP. Der Favorit aus Niedersachsen könne seinem Herausforderer aus Rostock rhetorisch nie und nimmer das Wasser reichen.

Die übrigen Zuhörer im Berliner Theater denken ähnlich. Kurt Biedenkopf zum Beispiel. Der frühere sächsische Ministerpräsident ist eigentlich ein Parteifreund von Wulff, aber er hat wie mehrere bürgerliche ostdeutsche Wahlmänner auch, keinen Hehl aus seiner Sympathie für Gauck gemacht. Im rappelvollen Theater sitzt er in der ersten Reihe. Nach Gaucks Rede ist er einer der ersten Gratulanten. Kurz scheint er sogar mit dem Gedanken zu spielen, sich einen Pro-Gauck-Button anzuheften. Immerhin studiert er den Text ("Gebt die Wahl frei!") ganz vergnügt, war er es doch, der selbiges in den vergangenen Tagen mehrfach gefordert hatte.

Diebisch über diese überparteilichen Fans für seinen Kandidaten freut sich Sigmar Gabriel. Für die Veranstaltung heute sei Biedenkopf "wichtiger als ich", sagt der SPD-Chef hinterher. Deshalb habe er in der zweiten Reihe Platz genommen, umgeben von weiteren rot-grünen Spitzenpolitikern.

Offiziell zu Wort kommen sie aber nicht. Es bleibt Christoph Giesa vorbehalten, ein paar warme Worte über Gauck zur Begrüßung zu verlieren. Giesa ist eigentlich FDP-Mitglied, dennoch hat er eine Unterstützungsaktion im Internet für Gauck initiiert, der sich mittlerweile mehr als 34.000 Menschen angeschlossen haben. Inzwischen gibt es Gauck-T-Shirts, Gauck-Fahnen und Gauck-Teddys. Giesa grüßt die Gauck-Fans im Netz, die "live zugeschaltet" seien. Danach spricht noch Monika Maron. Die Schriftstellerin sagt, sie mache nun zum zweiten Mal in ihrem Leben "Wahlkampf". Das erste Mal war 1990, ebenfalls für Gauck. Der Widerstandspfarrer kandidierte bei der ersten freien Volkskammerwahl.  

Gauck sind überschwängliche Komplimente suspekt. Zwar gefällt ihm der Rummel um seine Person, und die, die ihn besser kennen, bezeichnen ihn durchaus als eitel, das schon. Aber Gauck ist niemand, der sich gern distanzlos feiern lässt. Er habe noch kein einziges Mal "Facebook aufgemacht", sagt er zu Giesa und seinen 34.000 Netzwerk-Unterstützern. Und "Wahlkampf" sei "genau das", was er hier nicht mache, sagt er an Maron gewandt. Er stelle sich vor, aber er werbe nicht für sich. Natürlich wäre es angesichts der guten Umfragewerte für ihn derzeit "reizvoll", gäbe es eine Direktwahl des Präsidenten, sagt Gauck. Aber der werde in Deutschland immer noch von der Bundesversammlung gekürt, nicht von der Bevölkerung.

Und dann hält Gauck seine einstündige Ansprache, die in der Tat ziemlich eindrucksvoll ist. Der frühere Pfarrer ist ein begnadeter Redner. Die Politiker und Journalisten im Theater, die vorher noch am Quasseln und Umherschauen waren, hören ihm irgendwann einfach nur gebannt zu. Manche seiner Zuhörer sind zu Tränen gerührt, andere merkwürdig aufgekratzt. Viele sagen hinterher, Gauck habe ihnen das Gefühl vermittelt, dass Politik und Engagement etwas Tolles und Wichtiges ist. Claudia Roth hat schon recht: Hätte Wulff zugehört, vermutlich wäre er wirklich neidisch geworden.