Die FDP kann einem dieser Tage schon fast leid tun: In Umfragen ist sie auf fünf Prozent abgestürzt, also an die Klippen des parlamentarischen Überlebens. Ihr zentrales Ziel der Steuersenkung ist ihr abhanden gekommen, stattdessen wehrt sie sich mit aller Kraft dagegen, dass die Steuern nicht auch noch erhöht werden. Und auch die von Gesundheitsminister Philipp Rösler geplante kleine Kopfprämie scheitert am heftigen Widerstand der CSU. Genug Gründe also für liberale Trübsal.

Die Krise der FDP, die die Partei auszehrt wie keine Regierungspartei in so kurzer Zeit zuvor, reicht aber viel tiefer. Unter Parteichef Guido Westerwelle war sie zu einer Ein-Themen-Partei verkommen. Auf alle anderen Fragen, auf die eine Regierung Antworten geben muss, und die FDP eben hätte liberale Antworten geben müssen, war sie denkbar schlecht vorbereitet. Das einzige Ziel, die Einkommenssteuer kräftig zu senken und zu vereinfachen, hatte sich jedoch im Grunde schon erledigt, als im Oktober der Koalitionsvertrag unterschrieben wurde: Keiner glaubte da noch, dass angesichts der großen Krise die Bürger tatsächlich um 30 Milliarden Euro (oder auch nur 16) entlastet werden könnten.

Seitdem leidet die Partei erkennbar unter heftigen Entzugserscheinungen. Die zentralen Themen sind ihr abhanden gekommen, aber sie hat keine anderen. Und wie das bei Abhängigen so ist, verfallen sie dann in einen Tremor. Bei der FDP äußert sich das in (wechselseitigen) Beschimpfungen der CSU und in Drohungen in Richtung der CDU, deren Bundespräsidenten-Kandidaten Christian Wulff nicht mitzuwählen, falls sie auf Steuererhöhungen für Gutverdienende bestehen.

Diese wüsten, eher hilflosen Gebärden können aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass den Liberalen eine wirkliche politische Botschaft fehlt. Ihre Politik beschränkt sich daher heute im Kern auf Abwehrverhalten und Klientelpolitik. Eine neue liberale Melodie, wie sie dem Generalsekretär Christian Lindner und anderen mit einem "mitfühlenden Liberalismus" vorschwebt, ist in der Partei bislang nicht mehrheitsfähig.

Diese Idee müsste in der aktuellen Spardebatte bedeuten, dass der Staat zwar seine Aufgaben und Ausgaben zurückführt, dass aber nicht allein in erster Linie die Schwächsten der Gesellschaft, die Hartz-IV-Empfänger und Familien, getroffen werden, sondern dass auch die Starken ihren Teil der Last schultern. Und sie könnte in der Diskussion um Opel-Hilfen heißen, dem Autobauer zwar Gelder aus dem Deutschlandfonds (zu Recht) zu verweigern, aber nach anderen Wegen zu suchen, den Opel-Werken und ihren Arbeitern zu helfen. So wie es jetzt die Kanzlerin tut.

Von solchen Gedanken sind aber die Westerwelles, Brüderles und Homburgers weit entfernt. Dem Parteichef, selber Prototyp eines individualistischen, wirtschaftsliberalen Politikers, fällt ein echtes Mitfühlen erkennbar schwer. So liegt die Partei quer zur Stimmung in der Bevölkerung, die in der Verschuldungskrise des Staates nach Fairness und Gerechtigkeit verlangt, aber auch zur Haltung im Bürgertum. Denn auch ein Mittelständler, klassische Klientel der FDP, denkt keineswegs nur an das eigene Wohlergehen, sondern auch an das seiner Beschäftigten und seiner Umwelt. Kein Wunder daher, dass Westerwelles Partei die Wähler in Scharen davonlaufen. Die Krise der FDP ist so umfassend, sie könnte lebensbedrohlich werden für die Partei.

In der schwarz-gelben Koalition gerät die FDP damit in immer stärkeren Gegensatz zur CDU. Denn die hat sich weit stärker, als es die Liberalen wahrhaben wollten, nach links verschoben. Der beste Beleg dafür ist, dass selbst der Wirtschaftsrat der Union jetzt für eine Anhebung des Spitzensteuersatzes plädiert. Bei den Christdemokraten wächst umso mehr der Verdruss und Zorn über den halsstarrigen Koalitionspartner.