15 Tage nachdem Horst Köhler die Hauptstadtpresse überraschend zu einer Pressekonferenz ohne Themenangabe ins Berliner Schloss Bellevue eingeladen hatte, um dann seinen Rücktritt zu verkünden, ist er am Dienstag gemeinsam mit seiner Frau Eva noch einmal dorthin zurückgekehrt.

120 Mitarbeiter des Bundespräsidialamts erwarteten den Präsidenten a.D., der er zu diesem Zeitpunkt schon ist, da sein Rücktritt mit sofortiger Wirkung erfolgte, am Vormittag im großen Saal des Schlosses. Dort sei er, heißt es hinterher, mit warmem Applaus begrüßt worden. Sollten die Mitarbeiter allerdings erwartet haben, der Präsident werde seinen überraschenden Rücktritt, den er lediglich mit kritischen Reaktionen auf seine Interviewäußerungen begründet hatte, nun näher erläutern, so sahen sie sich getäuscht.

Die Ansprache habe knapp fünf Minuten gedauert, sagte Petra Diroll anschließend. Sie hätte eigentlich Köhlers neue Pressesprecherin werden sollen, trat ihr Amt dann aber zwei Tage nach dessen Abgang an. Nun dient sie für kurze Zeit Jens Böhrnsen (SPD), der als amtierender Bundesratspräsident den Bundespräsidenten bis zur Wahl eines neuen am 30. Juni ersetzt.

Köhler habe den Mitarbeitern "für die wunderbare Unterstützung in den vergangenen sechs Jahren gedankt", sagte Diroll. Man könne stolz sein auf die Arbeit des Bundespräsidialamts, habe Köhler noch gesagt. Eine Aussage, die in einem gewissen Gegensatz zu den Berichten steht, die es in den Wochen vor Köhlers Rücktritt gegeben hatte. Damals war immer wieder von der desolaten Personalsituation im Bundespräsidialamt die Rede gewesen. Köhlers Pressesprecher soll wegen Auseinandersetzungen mit dessen Büroleiter über die richtige Vermarktung des Chefs aufgegeben haben. Auch von gelegentlichen cholerischen Anfällen des Hausherren war die Rede.

Am Dienstag war davon selbstverständlich nichts zu spüren. Stattdessen mischte Köhler sich nach seiner kurzen Ansprache unter seine Gäste, schüttelte Hände und suchte das persönliche Gespräch. Wer wollte, durfte sich anschließend noch ein signiertes Bild des Ex-Präsidenten zur Erinnerung mitnehmen.

Es sei ihm "ein Herzensanliegen gewesen, allen noch einmal die Hand zu reichen", verbreitete die Pressestelle. In diesem Fall darf man das wohl glauben. Es passt zu Köhler und zu der Art, wie er als Bundespräsident sein Amt versehen hat. Auch da war er lieber mitten unter den normalen Menschen statt als großer Redner unterwegs.

Am Abend wird Köhler dann noch einmal – zum vorerst letzten Mal – an den Ort zurückkehren, an dem er eigentlich noch vier Jahre lang als ranghöchster Repräsentant des Landes hätte ausharren sollen. In Bellevue kommen die deutschen Spitzenpolitiker zur Verabschiedung des Staatsoberhaupts mit "militärischen Ehren" zusammen.

 

Etwa eine dreiviertel Stunde vor Beginn des Großen Zapfenstreichs gibt der amtierende Präsident Böhrnsen im Schloss Bellevue einen Empfang für Köhler und rund 200 geladene Gäste, darunter auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und FDP-Chef Guido Westerwelle.

Beiden wird es allerdings erspart bleiben, den Mann, den sie einst als Vorboten für den erhofften schwarz-gelben Wahlsieg ins Amt hoben, und der mit seinem Rücktritt die Krise der nun tatsächlich regierenden Koalition weiter vertieft hat, öffentlich für seine Verdienste zu preisen.

Vorgesehen ist lediglich eine kurze Ansprache von Böhrnsen, auf die Köhler kurz erwidern wird. Dass man daraus mehr Aufschluss über die "wahren Motive" des Rücktritts erhalten wird, über die sei nunmehr zwei Wochen gerätselt wird, ist wohl eher nicht zu erwarten.

Für den anschließenden Großen Zapfenstreich im Park des Schlosses Bellevue hat Köhler sich zwei Märsche und den St. Louis Blues gewünscht. "Ich hasse es, die Abendsonne untergehen zu sehen", heißt die bekannteste Zeile jenes Liedes, in dem eine Frau von einer anderen berichtet, die ihr den Mann ausgespannt hat.

Unerwiderte, enttäuschte Liebe also? Ist das die letzte Erklärung, die Köhler für seinen überraschenden Schritt hinterlässt?

Wenn ja, kann es sich dabei eigentlich nur um seine Beziehung zur Politik handeln. Sein Verhältnis zur Bevölkerung war dagegen von einer großen gegenseitigen Zuneigung geprägt, die sogar seinen Rücktritt überdauerte. Während Köhler in den Medien und von Politikern für seine Entscheidung vor allem Kritik einstecken musste, hielten viele Bürger – das bewiesen Straßenumfragen und die Diskussion im Netz – an ihm fest, und gaben der vermeintlich anderen Seite, der professionellen Politik, die Schuld am Scheitern der Präsidenten.

Wie dem auch sei: Wenn an diesem Dienstag die Abendsonne untergegangen sein wird, dann wird aus dem Politiker Horst Köhler, der er trotz allem war, eine Gestalt für die Geschichtsschreibung geworden sein. Vielleicht wird diese ja irgendwann die ausführliche Erklärung für den Rückzug nachliefern, die Köhler der deutschen Öffentlichkeit bisher schuldig geblieben ist.