Der von Schwarz-Gelb nominierte Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten, Christian Wulff, ist auch im zweiten Wahlgang durchgefallen. Für den niedersächsischen Ministerpräsidenten stimmten in der Bundesversammlung 615 Wahlmänner und -frauen. Für den rot-grünen Gegenkandidaten Joachim Gauck votierten 490 Wahlleute. Die Linken-Kandidatin Luc Jochimsen erhielt 123 Stimmen, der Bewerber der rechtsextremen NPD, Frank Rennicke, drei Stimmen.

Damit verpasste der CDU-Politiker Wulff auch im zweiten Wahlgang die erforderliche absolute Mehrheit von 623 Stimmen, obwohl Union und FDP in der Bundesversammlung über 644 Wahlleute verfügen. Allerdings erhielt er mehr Stimmen als in der ersten Runde, in der 600 Delegierte für ihn votiert hatten.

Damit ist ein dritter Wahlgang nötig, in dem die einfache Mehrheit ausreicht. Wulffs Aussichten, die zur Stunde laufende dritte Runde zu gewinnen, stehen nach der uneindeutigen Positionierung der Linkspartei sehr gut.

Zwar zog deren Bewerberin für die Bundespräsidentenwahl, Luc Jochimsen, ihre Kandidatur für den dritten Wahlgang zurück. Fraktionschef Gregor Gysi gab zudem bekannt, die Führung habe Abstimmung für die Wahlleute freigegeben. Doch die Linke gab keine Wahlempfehlung für Gauck ab. "Beide konservative Kandidaten sind für uns nicht wählbar", sagte Gysi. Er gehe davon aus, dass sich ein großer Teil der linken Delegierten enthalten werde.

Zuvor hatte SPD-Chef Gabriel einen gemeinsamen Kompromiss-Kandidaten – wie er vom frühen Linken-Chef Lafontaine ins Spiel gebracht worden war – abgelehnt. In dieser Frage gebe es "nichts zu verhandeln".

Würde sie die Linke sich in Gänze dem rot-grünen Lager anschließen, könnte Gauck 613 Stimmen auf sich vereinigen – zwei Stimmen weniger, als Wulff in der zweiten Runde erzielte. SPD-Chef Sigmar Gabriel hatte schon vor dem zweiten Wahlgang an die Linke appelliert, ihren Widerstand gegen Gauck aufzugeben. Die Linke werde "entweder Herrn Wulff zu einer Mehrheit verhelfen oder Herrn Gauck."

In der schwarz-gelben Koalition bestätigt das Wahlergebnis Befürchtungen, Wulff werde wegen des schlechten Erscheinungsbildes der Bundesregierung von Angela Merkel (CDU) von den Wahlleuten stellvertretend für Kanzlerin einen Denkzettel erhalten.

Kurz vor dem dritten Wahlgang warnten Kanzlerin Angela Merkel, CSU-Chef Horst Seehofer und Hessens Ministerpräsident Roland Koch die Unions-Wahlleute in teils dramatischen Worten vor den Folgen eines Scheiterns ihres Kandidaten. Die Regierung habe eine Verpflichtung, in der schweren Zeit für Stabilität zu sorgen, sagte die CDU-Chefin nach Angaben von Teilnehmern.

Merkel habe eingeräumt, ihre Regierung habe Fehler gemacht. Dies dürfe aber nicht dazu führen, nun Wulff die Stimme zu verweigern. "Wir haben jetzt das Serbien-Spiel gehabt, jetzt kommt das England-Spiel", sagte sie in Anspielung an die Niederlage der deutschen Elf gegen Serbien und ihren Sieg gegen England bei der Fußball-Weltmeisterschaft.

"Wir würden mehr verlieren als nur den dritten Wahlgang", mahnte Seehofer den Teilnehmern zufolge. Beide Parteivorsitzenden warnten davor, dass die Abweichler letztlich nur der Linkspartei die Möglichkeiten gäben, über den künftigen Bundespräsident zu entscheiden. Der CSU-Chef appellierte an die Wahlleute, im dritten Wahlgang nicht nur für eine einfache, sondern eine absolute Mehrheit zu sorgen. "Jetzt ist Disziplin gefragt", zitierten Teilnehmer Seehofer.

In einer mit lang anhaltendem Applaus bedachten Rede wandte sich Koch direkt an die vermuteten Abweichler in den eigenen Reihen. Zwar betonte auch er die Freiheit der Wahlleute. Diese sollten aber die Folgen ihres Handels bedenken. "Aus Angst vor dem Tod Selbstmord zu begehen, ist der falsche Weg", sagte Koch nach Angaben von Teilnehmern. Auch er habe Verständnis dafür, wenn es Unzufriedenheit mit dem schwarz-gelben Erscheinungsbild und Sympathien für den rot-grünen Kandidaten Joachim Gauck gebe. Dies dürfe aber nicht dazu führen, das Land durch dessen Wahl in eine tiefe Krise zu stürzen.