Aus dem Radio quäken die Nachrichten: "Explosion in Göttingen", "Blindgänger vor Entschärfung detoniert ...".Robert Sedlatzek-Müller fährt mit seinem Auto von Stade nach Hamburg, als die Stimme des Sprechers ihn aus seinen Gedanken reißt. Afghanistan ist wieder da. Die Explosion 2002, als Sprengmeister der Bundeswehr eine Rakete, einen Blindgänger der Taliban, mit Hammer und Meißel entschärfen wollten und das Geschoss in die Luft flog. Er stand ganz in der Nähe, er überlebte die Detonation nur knapp. Drei dänische und zwei deutsche Soldaten starben.

Der Afghanistan-Veteran bremst, hält am Straßenrand, steigt aus. Er zittert stark. Die Bilder sind nun wieder in seinem Kopf, mischen sich mit der Wirklichkeit. Sedlatzek-Müller übergibt sich in den Straßengraben.

In Afghanistan wurde er schwer verletzt – an Körper und an der Seele. Acht Jahre nach der Explosion endete sein Dienst als Zeitsoldat. Mit 32 Jahren verließ er am 30. April die Bundeswehr. Die Treue zur Armee sei ihm nicht gedankt worden, sagt der Veteran. Gesund trat er in die Armee ein, krank verlässt er sie. Wie es nun weitergehen soll, dass weiß Sedlatzek-Müller noch nicht genau.

"Ich bin untherapiert entlassen worden", sagt er. "Es gab nicht mal eine richtige Entlassungsuntersuchung." Dabei hätten die Ärzte einiges aufzuschreiben gehabt: Die Raketenexplosion zerriss Sedlatzek-Müllers Trommelfelle. Er bekam Transplantate – der Tinnitus, ein Dauerdröhnen im Ohr, blieb und wird immer störender. Ebenso die Nesselsucht und die Essstörung. Und noch immer  kann der Ex-Fallschirmjäger ohne Alkohol kaum einschlafen.

Sedlatzek-Müller leidet an einer Posttraumatischen Belastungsstörung, kurz PTBS. Daran können Opfer von Vergewaltigungen, Folter, Überfällen, Naturkatastrophen erkranken – genauso wie Soldaten, die Extremsituation erleben, die beim Öffnen von Massengräbern dabei waren, unter Beschuss geraten oder in Sprengfallen fahren.

In seiner Dienstzeit hat Sedlatzek-Müller, Elitesoldat der Division Spezielle Operationen, viele Extremsituationen überlebt: Im Kosovo, in Afghanistan, beim Fallschirmspringen. Aber auch seine Nahkampfausbildung und die Überlebenslehrgänge für Spezialkräfte konnten ihn nicht vor der PTBS bewahren.

Traditionelle Einsatzarmeen wie die britische und die amerikanische berichten, dass bis zu fünf Prozent ihrer Soldaten an PTBS erkranken. Die Bundeswehr geht von einem Prozent aus. Aber die Zahl der erfassten Fälle steigt in der deutschen Armee gewaltig.

2006 registrierten Militärärzte und Psychologen 83 neue PTBS-Fälle, im vergangenen Jahr waren es bereits 466 Neuerkrankungen – und 147 bereits im ersten Quartal 2010. Die Dunkelziffer liegt vermutlich noch höher: Wegen eines "manchmal falsch verstandenen Berufsethos und aus Angst vor Stigmatisierung" würde mancher betroffener Soldat sich scheuen, über seine Krankheit zu sprechen, sagt Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg. Der Psychologe Heinrich Müller vom Sanitätsamt der Bundeswehr in München sagt, dass durchschnittlich 4,5 Jahre vergehen, bis ein Betroffener über seine Probleme spricht. Da kommt also auf die Bundeswehr angesichts der zunehmenden Angriffe der Taliban in ihrem Einsatzgebiet noch einiges zu.

Das Trauma-Zentrum der Bundeswehr will nun gemeinsam mit der Technischen Universität Dresden in einer Studie herausfinden, wie viele Soldaten tatsächlich an PTBS leiden. In anderen Ländern wird seit Jahren oder Jahrzehnten über traumatisierte Soldaten geforscht. "Es geht um die Seele der Soldaten", sagt Oberstsarzt Peter Zimmermann, Leiter des Trauma-Zentrums. "Da muss man auch über den ärztlichen Tellerrand hinaussehen."

Das sind schöne Worte. Mit dem was Robert Sedlatzek-Müller erlebte, hat das allerdings nichts zu tun. Bereits 2003 diagnostizierte ein Bundeswehrpsychologe PTBS bei dem Fallschirmjäger. Doch eine stationäre Therapie erhielt Sedlatzek-Müller weder nach der Diagnose noch später. Stattdessen brach er 2003 und 2005 zu weiteren Afghanistan-Einsätzen auf.

Ihm begegneten die meisten Bundeswehr-Ärzte mit strenger Auslegung der Vorschriften. So wurde zunächst eine stationäre Therapie abgelehnt, weil sein Dienstende kurz bevor stünde. Der Veteran fühlt sich den Medizinern und der Wehrverwaltung ausgeliefert. Seine PTBS mache das Ausfüllen von Anträgen, Besuche bei Behörden, Gespräche mit Beamten zur Qual. Sedlatzek-Müller kann sich schlecht konzentrieren. Er vergisst viel und er wird schnell aggressiv. Er ist ein anderer Mensch geworden.