Es muss Balsam auf die Seele von Christian Wulff gewesen sein. Seit drei Wochen ist er nun der Kandidat von CDU, CSU und FDP für das Amt des Bundespräsidenten. In dieser Zeit hat er viel mediale Häme und Kritik einstecken müssen. Am Samstag gibt es dagegen endlich mal wieder Standing Ovations, fröhliches Lachen und mehrminütigen Applaus.

Wulff ist an diesem Vormittag nach Nürnberg gekommen, zum Kleinen Parteitag der CSU. Es ist eine der letzten Stationen während der kurzen Zeit seiner Kandidatur. Und es ist eine der wenigen Gelegenheiten, bei denen Wulff sich zu einer längeren öffentlichen Rede entschieden hat. Während sein Konkurrent, der Oppositionskandidat Joachim Gauck, bereits zweimal größere Reden gehalten hat, hat Wulff sich bislang darauf beschränkt, die Wahlmänner von Union und FDP hinter verschlossenen Türen zu treffen und ansonsten schöne Fernsehbilder von seiner Sommerreise durch Niedersachsen zu liefern.

Über Inhalte will Wulff freilich auch in Nürnberg nicht viel sagen. Die großen Fragen, die die Menschen seiner Ansicht nach beschäftigen zählt er nur auf. Seine Ziele bleiben vage. "Ich will ein Präsident aus der Mitte des Volkes sein", sagt er, wie schon so oft. Ein Mann der eher leisen Töne, ein Versöhner, ein Brückenbauer. Deutlich wird in Nürnberg dafür: Die Diskussionen über seine Person sind an Wulff nicht spurlos vorbeigegangen. Der Mann, der vor den etwa vierhundert bayerischen Politikern am Rednerpult steht, ist angefasst. Und macht gar keinen Anstalten das zu verbergen.

Da war zum Beispiel die Debatte darüber, dass Wulff sein Amt als Ministerpräsident erst nach der Wahl zurückgeben will. Sie hat ihn geärgert. "Nicht ein einziger Kandidat hat bei seiner ersten Kandidatur irgendein Mandat aufgegeben", sagt Wulff. Und siehe da. In Bayern sind sie auf seiner Seite. Zum ersten Mal während seiner knapp halbstündigen Rede bekommt er wirklich viel Applaus.

Auch gegen die Vorstellung, die Wahlmänner von CDU, CSU und FDP seien quasi verpflichtet, ihn zu wählen, meint Wulff sich verteidigen zu müssen. "Die Wahl ist selbstverständlich frei", sagt er. Die Entscheidung über den Bundespräsidenten dürfe nicht mit dem Schicksal der schwarz-gelben Koalition verbunden werden. Insgeheim dürfte er aber wohl hoffen, dass die bayerischen CSU-Delegierten, vor allem aber die FDP-Wahlleute das nicht allzu wörtlich nehmen.

Noch tiefer getroffen hat ihn wohl die Dichotomie, die zwischen ihm und Gauck in den vergangenen Wochen immer aufgemacht wurde. Hier der unabhängige Vertreter der Gesellschaft, der Anti-Politiker, da der blasse Apparatschik. Der SPD-Chef Sigmar Gabriel hat das auf die Formel gebracht, Gauck habe ein Leben, Wulff eine Karriere. "Das ist nicht akzeptabel" wehrt sich Wulff. Seine politische Erfahrung werde ihm im Amt nützlich sein.

Ein Sprachrohr der berechtigten Anliegen der Bürger wolle er sein, hatte Wulff in früheren Interviews als eines seiner Ziele benannt. An diesem Vormittag allerdings ist er eher das Sprachrohr der diffamierten Politiker. Bürgerinitiativen seien eine gute Sache, man brauche mehr davon, fährt er zum Beispiel fort. Doch am Ende brauche es auch Kräfte, die all die Einzelinteressen zum allgemeinen Besten zusammenführten und Entscheidungen träfen, und das seien eben die Parteien.