Wenn Christian Wulff am 30. Juni aller Voraussicht nach zum neuen Bundespräsidenten gewählt wird, ist dies auch der Triumph eines ganz bestimmten Politikstils. Eines Stils, der fundamental anders ist als der von Roland Koch und sehr ähnlich zu dem von Angela Merkel: Es ist der Triumph der situativen Führung.

Überraschend kommt das nicht. Seit einiger Zeit sind Politiker, die ausgeprägte Charakterzüge und einen dominanten Führungsstil zeigen, nicht mehr auf Dauer erfolgreich oder geben trotz jahrelanger Spitzenposition entnervt auf. Roland Koch ist ein gutes Beispiel dafür. Sein Stil hat ihm zwar Konturen, Kanten, ja, ein klar erkennbares Profil beschert, ihn aber auch angreifbar gemacht. An Politikern wie Koch reiben sich ganze Kolonnen von Kommentatoren und Kollegen aus der eigenen Partei.

Situativ Führende hingegen schaffen sich durch die Evolution ihres Führungsstiles einen anpassungsfähigen Schutzanzug. Diese Art der Führung, bei der die Umstände den Stil bestimmen, ist derzeit offenbar die erfolgreichere. Wulff ist einer ihrer typischen Vertreter. Der niedersächsische Ministerpräsident repräsentiert zudem einen Typus von Politikern, deren große Karrieren keineswegs absehbar waren. Als beliebter Landesvater und am Kanzleramt nicht interessiert, schien Wulff bis vor Kurzem zwischen Weser und Elbe und Harz und Meer gestrandet.  Jetzt soll er plötzlich Bundespräsident werden.

Christian Wulff ist kein Instinktpolitiker: Er analysiert, sammelt lange und ausdauernd Informationen, wägt ab und entscheidet meist erst gegen Ende einer Debatte. Der Ministerpräsident agiert lieber im Hintergrund, so bleiben seine Wege im ungefähren. Wulffs Führungsverhalten ist schwer identifizierbar und wechselt je nach Gelegenheit. Er beobachtete seine Vorgänger und Gegner. Wulff lernte von ihnen: von Schröder den Umgang mit den Medien, von Gabriel die Gefahren des Ministerpräsidentenamtes, von Albrecht und Hasselmann den Umgang mit den Niedersachsen. Wulff ist ständig im Land unterwegs, weiß von den Problemen der Menschen. Er passt sich situativ den Gegebenheiten an und unterstreicht dies mit einer Glätte in Rede und Habitus, die seinesgleichen sucht. 

Wulff zeichnete sich nie dadurch aus, polternde Reden im Landtag oder im Festzelt zu halten. Er spitzt selten zu, bleibt lieber sachlich und vermeidet laute Gesten. Seine Stärke ist die Vermittlung zwischen unterschiedlichen Positionen und Lagern, die Interessendurchsetzung hinter verschlossenen Türen. Die Verwandlung vom angeblichen natural born loser, der grauen Maus aus Niedersachsen, zum Ministerpräsidenten mit Aura, Ausstrahlung und telegenem Charisma ist den Insignien der Macht zuzuschreiben. Wulff veränderte dabei zunächst kaum seine Sprache oder sein Verhalten, plötzlich galt er als präsidial und landesväterlich. Aus der natürlichen Begabung wurde im Laufe der Amtszeit erlernte Professionalität.

Der situativ Führende hangelt sich von Moment zu Moment. Wulffs Aura der doppelten Botschaften, Schwiegermutters Liebster und knallharter Politmanager einerseits, Landesvater und Regierungschef andererseits, beschreibt die verschiedenen Momente. Christian Wulffs situativer Führungsstil zielte auf positive Resonanz in der Öffentlichkeit und machtpolitische Absicherung ab. Er versucht umfassend Mentalitäten, Einstellungen, Befürchtungen und Erwartungen des Publikums widerzuspiegeln.

In diesem Zusammenhang hat Merkels Kandidat in der von dem Soziologen Ulrich Beck definierten Weltrisikogesellschaft die richtige Losung gefunden: In seinen Worten liegt selten ein Unterton, der von Ängsten, Sorgen oder Schwierigkeiten zeugt. Sein präsidiales Auftreten sowie die beinahe inflationär genutzte Formulierung Problemlösung im Sinne von Sondieren, Schauen und Nachdenken, können durchaus ein Gefühl von Sicherheit vermitteln. Seine langen Auszeiten, die häufigen Nachdenkpausen ließen ihn als Ministerpräsidenten immer wieder auf Tauchstation gehen. Dies aber ist für die Ausfüllung des Amtes des Bundespräsidenten mitnichten ein Nachteil.

Für Merkel wäre ein Bundespräsident Wulff ein Glücksfall: Damit stünden demnächst zwei Persönlichkeiten an der Spitze des Staates, die sich hinsichtlich ihrer öffentlichen Kommunikation und ihres Führungsstiles wenig unterscheiden und auch inhaltlich überschneiden.

Christian Werwath ist Mitarbeiter des Projekts "Politische Führung im deutschen Föderalismus Die Ministerpräsidenten Niedersachsens" am Göttinger Institut für Demokratieforschung.