Die Bundesversammlung hat den bisherigen niedersächsischen Ministerpräsidenten Christian Wulff (CDU) zum Bundespräsidenten gewählt. Im dritten Wahlgang erreichte Wulff 625 Stimmen und damit die absolute Mehrheit. Sein von SPD und Grünen aufgestellter Mitbewerber Joachim Gauck kam auf 494 Stimmen, 121 Delegierte enthielten sich. Damit erhielt Gauck 32 Stimmen mehr, als das rot-grüne Lager an Delegierten aufbot. Wulff, der unmittelbar nach der Verkündung des Ergebnisses sein Amt als Regierungschef in Hannover niederlegte, tritt die Nachfolge von Horst Köhler an.

Der gewählte Bundespräsident dankte in einer kurzen Ansprache seinem Amtsvorgänger und dem Kandidaten Gauck für einen "fairen Wettbewerb um das Präsidentenamt". Als eine Priorität seiner Amtszeit nannte er die innere Einheit des Landes. Er wünsche sich, dass die Deutschen "aufeinander zugehen statt aneinander vorbei zu leben."

Gauck sagte nach der Wahl, er sei zuversichtlich, dass Wulff in seinem neuen Amt Erfolg haben werde. Er stünde dem neuen Bundespräsidenten "selbstverständlich" als Gesprächspartner zur Verfügung. Gauck selbst wolle weiterhin helfen, die Distanz zwischen Bürgern und Politikern zu verringern. "Bleiben sie dran", forderte er die Fernsehzuschauer zur politischen Teilhabe auf. Das Verhalten der Linkspartei nannte er ein "trauriges Kapitel".

Wulffs Wahl waren dramatische Stunden vorausgegangen. Der Kandidat von Union und FDP erreichte im ersten Wahlgang nur 600 Stimmen und verfehlte damit die in diesem Wahlgang erforderliche absolute Mehrheit von 623 Stimmen deutlich. Gauck kam auf 499 Stimmen, für die linke Kandidatin Luc Jochimsen stimmten 126 Delegierte – drei mehr, als die Linke Wahlleute hat. Der Kandidat der rechtsextremen NPD, Frank Rennicke, erhielt die drei Stimmen der NPD-Wahlleute.

Weil die Regierungsparteien nominell über eine Mehrheit von 644 Wahlleuten verfügen – 44 schwarz-gelbe Wahlleute also nicht für Wulff stimmten – war das Ergebnis als Ohrfeige für die Bundesregierung gewertet worden.

Auch im zweiten Wahlgang erreichte Wulff nicht die absolute Mehrheit. Nur 615 Delegierte stimmten für den bisherigen niedersächsischen Ministerpräsidenten. Gauck kam auf 490, Jochimsen auf 123 Stimmen.

Im dritten Wahlgang, in dem die einfache Mehrheit zur Präsidentenkür reichte, war Gauck auf die Stimmen der Linken angewiesen. Zwischen SPD, Grünen und Linkspartei begannen nun intensive Verhandlungen. Schließlich verkündete Linken-Fraktionschef Gregor Gysi, seine Partei werde zwar ihre Kandidatin zurückziehen und die Abstimmung für die linken Delegierten freigeben, aber keine Empfehlung für Gauck aussprechen. Damit war für Wulff der Weg ins Schloss Bellevue frei.

SPD-Chef Gabriel sagte nach der Wahl, es sei deutlich geworden, "dass die Linkspartei sich nicht von ihrem SED- und Stasi-Erbe befreien konnte".

Aus der Koalitionsspitze waren erleichterte Reaktionen zu hören. Die Kanzlerin sagte, die Wahl habe deutlich gemacht, dass hinter Christian Wulff "eine große Mehrheit" stünde, "die er auch in der Bevölkerung finden wird". Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) sprach von einem "überzeugenden Vertrauensbeweis" für Wulff. Die Wahl sei ein "Lehrstück der Demokratie" gewesen. Weniger begeistert war CSU-Chef Horst Seehofer, der sich "dankbar" zeigte, dass "im dritten Wahlgang die Bedeutung dieser Versammlung von der Mehrheit der Versammelten erkannt wurde".

Die Wahl war nötig geworden, weil Köhler vor einem Monat überraschend zurückgetreten war, nachdem es heftige Kritik an seinen Interview-Äußerungen zu Afghanistan gegeben hatte. Er hatte darin für Kritiker den Eindruck erweckt, auch wirtschaftliche Gründe könnten einen Krieg rechtfertigen.