Ministerpräsidentin zu werden, ist nicht einfach. Andrea Ypsilanti, ehemalige Landesvorsitzende der hessischen SPD, scheiterte 2008 spektakulär daran. Auch Ute Vogt hatte kein Glück. Die damalige SPD-Landeschefin in Baden-Württemberg war zwei Mal, bei den Landtagswahlen 2001 und 2006, ins Rennen gegangen, verlor jedoch in beiden Anläufen. Ebenso vergeblich waren 1994 und 1998 die Versuche von Renate Schmidt in Bayern.

Während Frauen in den letzten Jahren auf den verschiedensten Ebenen des politischen Systems durchaus gut vertreten waren und Deutschland nunmehr seit fünf Jahren von einer Bundeskanzlerin regiert wird, ist eine Ministerpräsidentin immer noch eine Ausnahmeerscheinung.

Nach langem Sondieren und Taktieren ist nun Hannelore Kraft Regierungschefin einer von der Linkspartei abhängigen rot-grünen Minderheitsregierung in Nordrhein-Westfalen geworden. Kraft ist die erste weibliche Führungskraft des Landes und die zweite Sozialdemokratin in der männlichen Machtbastion des Ministerpräsidentenamtes. Zuvor war es lange Zeit nur Heide Simonis in Schleswig-Holstein geglückt, dieses Amt zu bekleiden.

Simonis’ Karriere begann und endete allerdings mit einem politischen Skandal. So unerwartet sie 1993 nach dem Rücktritt von Björn Engholm in Folge der "Barschel-Affäre" zur Regierungschefin gekürt wurde, so überraschend war ihr Sturz im März 2005. Viermal stellte sie sich im Kieler Landtag zur Wahl, jedes Mal wurde ihr die entscheidende Stimme für die Mehrheit verwehrt. Die zweite deutsche Ministerpräsidentin wurde im Oktober 2009 Christine Lieberknecht, nachdem Dieter Althaus zurückgetreten war und dadurch eine Große Koalition in Thüringen ermöglichte. Allerdings musste der Landtag dreimal abstimmen, um die Christdemokratin schlussendlich zur Regierungschefin zu wählen.

Vor allem in den Karrieren der SPD-Frauen Simonis, Ypsilanti und Kraft finden sich bemerkenswerte Parallelen: Relativ spät – mit Ende zwanzig, Anfang dreißig – wurden sie in der SPD aktiv. Meist half ihnen ein männlicher Mentor beim Fußfassen. Tunlichst waren sie darauf bedacht, nicht als Quotenfrauen abqualifiziert zu werden. Sie setzten sich gegen männliche Kollegen durch und kletterten Stück für Stück die Hierarchie nach oben. Das Erreichen der Spitze wurde allerdings häufig erst durch politische Skandale oder verheerende Wahlniederlagen der männlichen Vorgänger möglich, die daraufhin den "Trümmerfrauen" das Feld überließen. Es schien in den männlich dominierten Landesparteien eine Gesetzmäßigkeit zu sein: Frauen kommen erst dann zum Zuge, nachdem die Institution zuvor gründlich ins Wanken geraten ist.

Wie Simonis wurde auch Ypsilanti und Kraft eine durchsetzungsstarke Persönlichkeit attestiert. Sie kamen auch deshalb gut an, weil sie als weibliche politische Führungskraft mit ihrem eloquenten, direkten und zuweilen auch knodderigen Mundwerk im regional kolorierten Dialekt authentisch und nahbar wirken.

Jenseits dieser Eigenschaften scheinen sie jedoch beinahe auf bizarre Weise ein gemeinsames Schicksal zu teilen: Um die Macht zu erlangen, wählten sie den riskanten Weg. Auch wenn die Konstellationen unterschiedlich waren, begaben sich alle drei in die Abhängigkeit einer hauchdünnen Mehrheit. So als fürchteten sie, keine Chance mehr zu bekommen, wenn die Macht-Verhältnisse wieder komfortabler geworden sind.