Nach seiner Flugzeugpanne kam Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) mit 16-stündiger Verspätung in Afghanistan an. Im deutschen Feldlager in Kundus machte sich der CSU-Politiker bei den Soldaten ein Bild von der Lage am gefährlichsten Einsatzort der Bundeswehr.

In den vergangenen Wochen waren die Truppen in der nordafghanischen Unruheregion verstärkt von radikalislamischen Taliban attackiert worden. Er sei besorgt, denn die Aufständischen in der Region gingen zunehmend professioneller vor, sagte Guttenberg.

Der Minister ließ sich auch die Panzerhaubitze vorführen, die die Bundeswehr dort vor einigen Tagen erstmals gegen die Aufständischen eingesetzt hatte. Es ist die schwerste Waffe, über die die Bundeswehr am Hindukusch verfügt. Ihr Einsatz gilt als Symbol für die neue Politik unter Guttenberg. Am vergangenen Wochenende hatten die Soldaten während eines Gefechts erstmals mit ihnen scharf geschossen. Die 155-Millimeter-Kanone kann 40 Kilometer weit schießen und selbst auf diese Entfernung auf 30 Meter genau treffen.

Guttenberg verwies auf die entscheidende Rolle der Afghanen bei der Stabilisierung ihres Landes . "Die Bundesregierung erwartet Signale, die auch von Afghanistan selbst ausgehen müssen", sagte der CSU-Politiker mit Blick auf die internationale Konferenz in der kommenden Woche in Kabul. Dort wollen die Staaten eine Zwischenbilanz der Fortschritte seit dem Strategiewechsel ziehen.

Ziel bleibe, dass von Afghanistan keine Bedrohung der internationalen Sicherheit ausgehen dürfe, sagte Guttenberg.

Die Vorgängerregierung hatte es trotz anhaltender Forderungen der Truppe in Kundus lange abgelehnt, schwere Waffen nach Afghanistan zu verlegen. So sollte der Anschein eines Krieges vermieden werden. Guttenberg brach das Tabu schon kurz nach seinem Amtsantritt und spricht seither offen vom Krieg in Afghanistan.

Einen Besuch deutscher Kampftruppen in der nordafghanischen Unruheprovinz Baghlan musste er aufgrund von Gefechten der Bundeswehr mit den radikal-islamischen Taliban kurzfristig absagen. Der Verteidigungsminister war bereits vom Feldlager Kundus aus mit dem Hubschrauber auf dem Weg zu den Soldaten der Schnellen Eingreiftruppe (Quick Reaction Force, QRF), als ihn die Nachricht von den Kämpfen erreichte. Der Kommandeur der Truppe empfahl ihm umzukehren.

Es wäre der erste Besuch Guttenbergs eines Truppenteils in Afghanistan außerhalb der Feldlager gewesen. "Sicherheit geht vor, auch für die Männer vor Ort", sagte Guttenberg. Er kündigte an, den Besuch später nachzuholen.

Karl-Theodor zu Guttenberg ist zum vierten Mal seit seinem Amtsantritt vor knapp neun Monaten in Afghanistan. Er will damit die Truppe motivieren. Er sei nach Afghanistan gekommen, "um den Soldaten die Unterstützung der Bundesregierung zu übermitteln", sagte er.

Allein im Juni starben in Afghanistan 102 Soldaten der Internationalen Schutztruppe Isaf, mehr als in jedem anderen Monat seit Beginn der Mission Ende 2001. Im April kamen insgesamt sieben deutsche Soldaten bei Kämpfen in den Nordprovinzen Kundus und Baghlan ums Leben.

Guttenberg hatte vor seiner Abreise gesagt, man müsse in diesem Sommer mit weiteren Gefallenen rechnen. Ungeachtet dessen will die Bundeswehr noch im Sommer die Ausbildung afghanischer Soldaten in der Fläche ausweiten. Dafür hatte der Bundestag die Höchstgrenze für das Kontingent im Februar von 4500 auf 5250 Soldaten erhöht.

Am frühen Morgen hatte der Minister an der Übergabe von rund 40 amerikanischen Kampf- und Sanitätshubschraubern an das Regionalkommando teilgenommen. Anschließend flog er nach Kundus weiter. Ein dort geplantes Treffen mit dem neuen Isaf-Kommandeur, General David Petraeus, musste er wegen der Verspätung absagen.