Das blaue Auto fährt mit hoher Geschwindigkeit auf das Lager zu. Soldaten am Tor schießen mit ihren Sturmgewehren erst in die Luft, dann auf das Fahrzeug. Doch der Kleinwagen rast weiter. Von einem Wachturm aus schickt ein Maschinengewehr-Schütze zahlreiche Salven in Richtung des Autos. Das fährt gegen eine Sandbarriere, es gibt einen Knall. Rauch steigt auf. Ein Offizier brüllt Befehle. Soldaten laufen vor, gehen hinter Sandsäcken in Deckung.

Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg schaut interessiert zu. Er hält sich an einem Schild fest, auf dem steht: "Ausbildungszentrum. Grundlagenausbildung Luftwaffe. Betreten der Ausbildungsstätte verboten". Der Minister besucht auf seiner Sommerreise den Standort Germersheim im Süden von Rheinland-Pfalz. Dort werden Objektschutzkräfte der Luftwaffe ausgebildet. Die Bundeswehr hat einen Kontrollpunkt nachgebaut, der in Afghanistan und anderen möglichen Einsatzgebieten vor Feldlagern und Flugplätzen stehen könnte. Die Soldaten lernen hier, Fahrzeuge und Personen nach Sprengstoff zu durchsuchen, wie bei Beschuss zu reagieren ist oder was zu tun ist, wenn Einheimische auf das Camp zulaufen. Ob jemand Terrorist oder Hilfesuchender ist, wer kann das in Afghanistan schon sagen?

Was die Soldaten während der Übung brüllen, versteht Guttenberg nicht. Die Männer kommen aus Armenien und werden von der Bundeswehr für ihren Afghanistan-Einsatz vorbereitet. Sie sollen bald gemeinsam mit Deutschen den Flugplatz im nordafghanischen Kundus bewachen, der direkt neben dem deutschen Feldlager liegt. Mittlerweile gehören 47 Nationen zur Isaf. Doch mit kleineren Staaten wie Armenien wird die Isaf nicht den Rückzug von großen Truppenstellern ausgleichen können: Die Niederlande beginnen in diesem Monat mit dem Abzug, Kanada folgt im kommenden Jahr, Polen will dann ebenfalls die ersten Soldaten nach Hause holen. Und auch Deutschland, sagt Guttenberg, könnte 2011 damit beginnen, Soldaten abzuziehen.

Die Sicherheitskonferenz in Kabul hat zu Beginn der Woche eine Übergabe der Sicherheitsverantwortung an die Afghanen bis 2014 beschlossen. Auch das ist in Germersheim Thema. Guttenberg sagt, dass die Übergabe nur geschehen kann, wenn eine Reihe von "Benchmarks" erreicht werden würden. Welche das sind, verrät er nicht.

Die Armenier jedenfalls lobt Guttenberg häufig und fast euphorisch. Das mag aber auch daran liegen, dass sein armenischer Kollege und dessen Dolmetscher ständig neben ihm stehen. Was die Armenier und ihre deutschen Ausbilder zeigen, wirkt aber tatsächlich überzeugend. Es sei extra und intensiv für den Ministerbesuch geübt worden, verrät ein deutscher Unteroffizier.

Guttenberg schaut sich an, wie ein verkleideter Ausbilder bei einem inszenierten Anschlag schwer verletzt wird. Er liegt, beschmiert mit Kunstblut, schreiend am Straßenrand. Die armenischen Soldaten sollen lernen, dass der Selbstschutz wichtiger ist, als Verwundeten zu helfen. Das "Opfer" muss deshalb lange schreien, bis die Sanitäter kommen. Der Afghanistan-Einsatz stellt die Internationale Schutztruppe für Afghanistan vor große Herausforderungen. Die ausländischen Soldaten müssen überall mit Anschlägen rechnen. Seitdem Guttenberg im Amt ist, muss er sich ständig mit Attentaten und Angriffen von Aufständischen und Terroristen beschäftigen.

Nächster Ausbildungspunkt: der Häuserkampf. Er wird mit einem Simulator trainiert. Die Soldaten schießen im Akkord. Es ist schwer zu erkennen, ob die digitalen Gestalten in der Ferne tatsächlich Feinde sind. Wenn die Häuser nicht so mitteleuropäisch aussehen würden, könnte die Szenerie auch in Afghanistan spielen. Dem Land, in dem deutsche Soldaten erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg töten – Gegner und manchmal auch Zivilisten. Dem Land, in dem deutsche Soldaten sterben, schwer verletzt oder traumatisiert werden.

Guttenberg war der erste Politiker, der offen das Wort Krieg benutzte, der mit der Sprachregelung vom Wiederaufbau brach und sagte, Afghanistan werde nie eine Demokratie nach westlichem Maßstab werden. Das brachte ihm in der Truppe viel Sympathie ein. Doch jetzt verwirren und verärgern seine radikalen Einsparpläne die Armee.