ZEIT ONLINE: Herr Ernst, seit der Präsidentenwahl wird Ihre Partei von allen Seiten kritisiert . Ist die Linke politikunfähig, wie SPD und Grüne seither behaupten?

Klaus Ernst: Absoluter Quatsch. Wir regieren in zwei Bundesländern, wir sitzen inzwischen in 13 von 16 Landtagen, wir sind mit über 70 Abgeordneten im Bundestag und einer großen Gruppe im Europäischen Parlament und in zig Stadtparlamenten, wo wir oft kommunale Verantwortung übernehmen. Dieser Vorwurf ist absurd.

ZEIT ONLINE: Haben Sie nicht Christian Wulff als neuen Bundespräsidenten ermöglicht? Hätten Sie im ersten Wahlgang geschlossen für Joachim Gauck gestimmt, wäre der nun Präsident.

Ernst: Das ist eine Legende. Für die Wahl von Herrn Wulff ist die Politik und Strategie von Herrn Gabriel verantwortlich. Wenn man genau weiß, dass man die Stimmen der gesamten Opposition braucht, aber nur mit Rot-Grün darüber redet, dann ist klar, dass diese Wahl nicht funktionieren kann. Zumal die Absicht hinter dem Kandidaten war: Der ärgert das Regierungslager, weil es eigentlich ein konservativer Mensch ist, ­ und er ärgert gleichzeitig den dritten Oppositionspartner, uns.

ZEIT ONLINE: Aber Sie wirkten am Wahltag wirklich unvorbereitet und überrumpelt . Ihr Fraktionschef Gregor Gysi sagte, Sie hätten schlicht gehofft, dass es nicht zu einem dritten Wahlgang kommt.

Ernst: Ich gebe zu, dass wir nicht mit einem dritten Wahlgang gerechnet haben. Hier wurde deutlich, wie zerrissen das Regierungslager ist. Das habe ich tatsächlich ein wenig unterschätzt. Aber die Haltung, die wir da gefunden haben, wäre auch im Vorfeld unsere Haltung gewesen. Wir haben im dritten Wahlgang die Wahl frei gegeben. Sie sehen daran, dass sich fast alle enthalten haben, dass weder Wulff noch Gauck für uns wählbar gewesen wäre.

ZEIT ONLINE: Die Ablehnung Gaucks wurde von ihrer Partei nicht nur inhaltlich begründet. Auch dessen Rolle in der DDR und später als Widerstandspfarrer sorgte für Kontroversen. Werner Schulz von den Grünen warf der Linken deshalb am Wahltag vor, sie könne nicht über ihren "SED-Schatten springen". Wie oft spüren Sie als Wessi in ihrer täglichen Arbeit diesen Schatten?

Ernst: Gauck ist nicht abgelehnt worden, wegen seiner ­ – aus meiner Sicht durchaus positiv zu bewertenden – Arbeit als Aufklärer nach der Wende. Dass man sich zu seiner Vergangenheit bekennen muss, ist unbestritten. Auch in meiner Partei sagt keiner, es ist falsch, dass wir die Stasi-Diktatur aufarbeiten. Aber ich kenne viele, die Gauck ablehnen wegen seiner Position zu Afghanistan oder Hartz IV. Das war eine bewusste Strategie der SPD. Wenn wir den aufstellen, und die Linke ist dagegen, sagt die ganze Republik: Das liegt daran, weil er ein Stasi-Jäger war. Die Strategie hat auch ein Stückweit funktioniert.

ZEIT ONLINE: Ebenfalls nicht einigen konnten sie sich mit Rot-Grün in Nordrhein-Westfalen . Werden Sie die nun dennoch die Minderheitsregierung stützen?

Ernst: Wir unterstützen Inhalte, nicht per se eine rot-grüne Regierung. Zum Beispiel werden wir der schnellen Abschaffung der Studiengebühren zustimmen. Ebenso einer Bildungspolitik, die ein möglichst langes gemeinsames Lernen unterstützt. Aber beim Sozialabbau oder wenn Stellen im Öffentlichen Dienst gestrichen werden, können wir nicht zustimmen.

ZEIT ONLINE: Der Öffentliche Dienst war auch ein Knackpunkt bei den Sondierungsgesprächen in Düsseldorf. Von Rot-Grün kam der Vorwurf, sie seien zu apodiktisch. Nur wer kompromissbereit ist, kann mitregieren.

Ernst: Wenn es keine roten Linien gibt, dann wird eine Partei beliebig und abgestraft, was sie am Niedergang der SPD verfolgen können. Das geht mit den Linken nicht. Wir haben Grundpositionen, an denen ist nicht zu wackeln. Das ist die Ursache unseres Erfolgs. Wenn die SPD weiter Sozialabbau betreibt und Personalabbau im Öffentlichen Dienst, wenn sie weiter für den Niedriglohnsektor ausbaut, Leiharbeit ausweitet, dann wird der Wähler weiter die SPD abstrafen. Das heißt nicht, dass wir nicht kompromissfähig wären. Wir können immer über Zeitperspektiven und Instrumente reden, aber nicht über Grundpositionen.

ZEIT ONLINE: Ist es überhaupt Ihr Ziel, regierungsfähig zu sein? Ihr Erfolg basiert ja bisher durchaus auf dem oppositionellen Duktus.

Ernst: Natürlich wollen wir regieren. Wenn Sie in die Praxis schauen, werden Sie sehen, dass die Regierungsbildungen nicht an uns gescheitert sind: Denken Sie ans Saarland , Hessen , Thüringen oder NRW .