Hannelore Kraft schreitet mit ihrem Ehemann die gebogene Treppe im Düsseldorfer Landtag herab. Man sieht sie kaum, ahnt nur anhand der Blitzlichter, auf welcher Treppenstufe sie sich gerade befindet. Um sie herum: eine riesige Schar an Gratulanten, Reportern, Parteifreunden, Referenten und anderen Schaulustigen. Ein Genosse ruft: "Macht Platz für die neue Ministerpräsidentin!"

Hannelore Kraft hat es geschafft. Im zweiten Wahlgang ist sie soeben vom Landtag zur ersten Regierungschefin Nordrhein-Westfalens gewählt worden . Alle 90 Abgeordneten von SPD und Grünen haben wie schon im ersten Wahlgang für sie gestimmt. Die Linkspartei hat sich absprachegemäß geschlossen enthalten. Da CDU und FDP zusammen bloß auf 80 Abgeordnete kommen, steht der ersten Minderheitsregierung des Bundeslands nichts mehr im Weg.

Kraft weiß, dass nun die Arbeit erst anfängt. Mehrfach vor und nach ihrer Wahl weist sie darauf hin, dass ihr Vorhaben, mit wechselnden Mehrheiten zu regieren, nicht einfach und konfliktfrei werden wird. Der Stimmung tut das aber an diesem Tag keinen Abbruch. Ausgelassen der Jubel, als Kraft zum ersten Mal ihren künftigen Chefplatz auf der Regierungsbank einnimmt. Alle 66 weiteren Fraktionsmitglieder reihen sich ein und überreichen der strahlenden Parteichefin eine rote, langstielige Rose.

Die Genossen sind aufgekratzt. Der Gabriel, dieser Wahlverlierer aus Niedersachsen, müsse aufpassen, heißt es zwischen zwei Pils auf dem Empfang nach der Wahl. Immerhin ist Kraft die erste Sozialdemokratin seit fast zehn Jahren, die sich das Amt des Regierungschefs von der CDU zurückgeholt hat. Das schaffte zuletzt Klaus Wowereit 2001 in Berlin. Seit heute, 13:10 Uhr, ist obendrein die schwarz-gelbe Bundesratsmehrheit futsch.

Wie groß ein politischer Triumph ist, erkennt man immer auch am Ärger der Opposition. Heimlich hatten CDU und FDP gehofft, dass heute doch noch irgendetwas schief geht. Dass ein paar Linke womöglich gegen Kraft stimmen. Oder dass sich bei SPD und Grünen ein paar Abweichler finden. Oder dass zumindest ein dritter Wahlgang nötig ist. Aber als Krafts Wahl feststeht, bleibt den frisch gebackenen Oppositionspolitikern nichts übrig, als die Arme zu verschränken und mit spöttischer Miene den Gratulanten zuzusehen, die sich um Kraft scharen.

Einer von ihnen ist Jürgen Rüttgers. Eigentlich wollte der Ex-Ministerpräsident der erste sein, der seine Nachfolgerin beglückwünscht. Aber die wird bereits von ihren Fraktionskollegen geherzt. Rüttgers schaut also bedeutungsvoll und wartet. Schon im Vorfeld der Wahl wollte der scheidende CDU-Chef dem Eindruck entgegentreten, dass er nun Trübsal blase und ein schlechter Demokrat sei. "Leben geht weiter", lautet die Botschaft, die seine Vertrauten streuen. Heute, am Abend der Kraft-Wahl, feiert seine Frau ihre Geburtstagsparty, 30 Gäste sind geladen. Rüttgers freut sich angeblich schon darauf. Aber so richtig glücklich sieht natürlich auch er nicht aus, als Kraft sich ihm dann zuwendet.

Die neue Ministerpräsidentin erwidert Rüttgers' faire Geste, indem sie ihm als Erstem öffentlich dankt. In ihrer kurzen Ansprache nach der Wahl lobt sie ausdrücklich "die engagierte Arbeit" von "Herrn Rüttgers" und von dessen Kabinett. Kraft ist künftig auf einen guten Umgangston angewiesen. Sie hofft, dass CDU und FDP künftig keinen frontalen Oppositionskurs fahren, sondern die einzelnen Gesetzesvorhaben von Rot-Grün von Fall zu Fall prüfen und gegebenenfalls mittragen. Kraft will nicht allein vom Wohlwollen der Linkspartei abhängig sein. In ihrer Rede betont sie deshalb mehrfach, dass "alle Fraktionen" eingebunden werden sollen und nun "alle" den Auftrag hätten, das Beste für NRW umzusetzen. 

Klappt das? Oder werden sich CDU und FDP gemütlich in ihren "Schmollwinkel" zurückziehen, wie Grünen-Chefin Sylvia Löhrmann es gleich nach der Wahl provozierend in die Kameras ruft?