Es ist 21 Uhr 14 am Mittwochabend als sich der Plenarsaal für kurze Zeit in ein Fußballstadion verwandelt. Zumindest akustisch. Eine so große Spannung entlädt sich in den Reihen von Union und FDP, dass klatschen nicht reicht, es muss auch gejohlt werden. Acht Stunden später als gedacht darf der schwarz-gelbe Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten Christian Wulff endlich doch noch Blumen entgegen nehmen. Er ist gewählt, – und – kleine Genugtuung für ihn, am Ende sogar mit der absoluten Mehrheit, die ihm ein Teil seiner eigenen Gefolgsleute zuvor in zwei Wahlgängen verweigert hatte.

Dabei hatte am Anfang dieses heißen Junitages in Berlin wenig darauf hingedeutet, dass sich im Reichstag in den folgenden Stunden eine derartige Zitterpartie abspielen könnte. Stattdessen dominiert in den Reihen von Union und FDP am Vormittag die Zuversicht. "Das wird ein schöner, kurzer Tag mit einem guten Ergebnis für Deutschand", fasst etwa der CDU-Wahlmann Herbert Reul aus Nordrhein-Westfalen seine Erwartungen zusammen. Wulffs Wahl im ersten Wahlgang scheint – wenn schon nicht sicher – doch zumindest ziemlich wahrscheinlich.

Auch der schwarz-gelbe Kandidat selbst machte einen entspannten Eindruck. Weil er selbst Wahlmann ist, sitzt er bei der Eröffnung der 14. Bundesversammlung in der ersten Reihe. Und dort muss er auch längere Zeit ausharren. Denn die 1244 Delegierten aus Bund und Ländern werden für den Urnengang einzeln aufgerufen, und zwar in alphabetischer Reihenfolge.

Wulff ist also ziemlich spät dran. Für viele Delegierten ist das eine gute Gelegenheit, schon mal ein Erinnerungsfoto mit dem künftigen Bundespräsidenten zu schießen. Seine Frau und seine 16-jährige Tochter, die das Ereignis auf der Tribüne verfolgen, plaudern unterdessen entspannt mit ihrem Sitznachbar, dem Oppositionskandidaten Joachim Gauck.

Doch dann kommt alles anders als erwartet. Und wie schon bei der Wahl von Horst Köhler vor einem Jahr muss man nicht erst auf die offizielle Verkündung des Wahlergebnisses durch den Bundestagspräsidenten warten, um zu wissen, was passiert ist. Diesmal allerdings werden keine Blumen zu früh reingebracht.

Nein, um zu wissen, wie es ausgegangen ist, reicht vielmehr ein Blick in das Gesicht von Volker Kauder. Um kurz nach zwei sitzt der Unions-Fraktionschef in dem sich langsam wieder füllenden Plenarsaal und beschäftigt sich intensiv mit seinem Handy. Danach atmet er einmal ganz tief ein, wälzt dann die Luft zwischen den Backen hin und her, bevor er sehr lange durch die geöffneten Lippen wieder ausatmet. Was sich hier breitmacht ist keine Erleichterung. Vielmehr hat hier gerade jemand einen herben Schlag bekommen.

Wenige Meter von Kauder entfernt, noch außerhalb des Plenarsaals, stehen zur gleichen Zeit FDP-Chef Guido Westerwelle und seine Fraktionschefin Birgit Homburger. Sie starren missmutig auf einen Zettel. Homburger schimpft. Westerwelle weiß nicht, was er sagen soll. Die Kanzlerin kommt vorbei. Sie spricht ein paar Sätze und lässt die beiden Spitzenliberalen stehen.

Und tatsächlich ist das, was Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) nur Minuten später verkündet, ein Desaster für die schwarz-gelbe Koalition. 600 Stimmen wurden für Christian Wulff abgeben, 44 weniger, als Union und FDP in der Bundesversammlung Sitze haben. Gerechnet worden war selbst von Pessimisten eher mit etwa einem dutzend Abweichler. Gegenkandidat Gauck kann sich dagegen über 37 Stimmen mehr freuen, als SPD und Grüne zusammen in die Waagschale werfen können.

Vor dem Fraktionssaal der Union zwei Stockwerke höher versammeln sich wenige Minuten später zum zweiten Mal an diesem Tag die Delegierten von CDU und CSU. Worte wie "Schock", "schwerer Schuss vor den Bug" und "Tiefschlag" machen die Runde. "Wie kann man so unklug wählen" zürnt der Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, Peter-Harry Carstensen (CDU).

Hinter verschlossenen Türen appelliert die Kanzlerin an ihre untreuen Truppen. Es gebe zwar eine Verantwortung zur Freiheit, aber nicht Freiheit von der Verantwortung, mahnt sie. Und versucht den Abgeordneten klar zu machen, dass sie jetzt nur noch eine Chance haben, den Bundespräsidenten aus eigener Kraft zu wählen. "Im dritten Wahlgang sind wir auch von anderen abhängig", sagt Merkel mit Blick auf die Diskussion bei der Linkspartei um eine Unterstützung von Joachim Gauck.