Was war das nun – der Vorschein eines künftigen Machtwechsels? Die fortgesetzte Erosion der Regierung Merkel? Ein Festtag der Demokratie? Oder doch am Ende ein abgekartetes, parteitaktisches Spiel mit einem vorhersehbaren Ergebnis?

Vor allem war diese 14. Bundesversammlung eine Veranstaltung ohne Beispiel , ein Novum in der nun 61-jährigen Geschichte der Republik. Und das nicht nur, weil erstmals vorzeitig ein neuer Präsident gewählt werden musste. Neun Stunden lang verfolgten die Bürger am Fernsehen, im Radio, im Internet und auf der Straße die Wahl des neuen Staatsoberhauptes: Ein Public Viewing mit zwei gediegenen Herren in der Hauptrolle, die vorübergehend vergessen machten, dass die anderen Herren in Südafrika gerade Pause machten. Politik statt Fußball – an diese Wahl wird sich das Land noch lange erinnern.

Denn nie traf der Satz, wonach in der Politik entscheidend sei, was am Ende herauskomme, weniger zu als an diesem Mittwoch. Herausgekommen ist Christian Wulff. Der 50-jährige Niedersachse ist nun der zehnte Bundespräsident des Landes , gewählt – man muss das nach allem, was zuvor geschrieben wurde, ausdrücklich betonen – nach Recht und Gesetz, mit einem deutlichen Vorsprung von 131 Stimmen, in drei Wahlgängen, die lange Zeit freier und offener waren als alle bisherigen Bundespräsidentenwahlen.

Doch allemal bedeutender waren in diesem Fall die Umstände, der Weg, den diese Bundespräsidentenwahl beschrieben hat , das politische Bild, welches das Land in den vergangenen vier Wochen von sich entworfen hat.

Das gilt zunächst einmal für die politischen Leidenschaften, die die Kandidatur von Joachim Gauck freigesetzt hat. Leidenschaften, die längst verschüttet schienen und die auch nicht alle aus dem Lehrbuch des engagierten Staatsbürgers stammten. Es stimmt, mancher hat nur deshalb für Gauck Partei ergriffen, weil der gerade keiner Partei angehört. Der Pastor aus Rostock hat sich dagegen gewehrt, aber er diente auch als Projektionsfläche für anti- oder unpolitische Ressentiments. Und doch konnte man in den vergangenen Wochen bei Vielen ein politisches Engagement beobachten, das offensichtlich nur darauf gewartet hat, endlich ein Ziel zu haben und abgeholt zu werden. Am Ende hat sich auch die Bundesversammlung selbst von diesen Leidenschaften anstecken lassen: Lebendiger und überraschender ist eine Wahl des Bundespräsidenten nie gewesen.

Ob Angela Merkel das auch so sieht? Die Bundeskanzlerin ist die große Verliererin des heutigen Tages, obwohl ihr Kandidat gesiegt hat. Dass die Regierungskoalition in der Bundesversammlung eine absolute Mehrheit hat und dennoch drei Wahlgänge braucht, um den eigenen Kandidaten durchzusetzen – das hat es noch nicht gegeben. Auch der Vergleich mit der Wahl von Roman Herzog 1994 führt in die Irre: Damals gab es in den beiden ersten Wahlgängen keinen gemeinsamen Regierungskandidaten. Für die FDP trat Hildegard Hamm-Brücher an, die dieses Mal – von den Grünen als Wahlfrau benannt – für Joachim Gauck gestimmt hat.

Die Entscheidung, Christian Wulff zu nominieren, Ursula von der Leyen zu verprellen und die Kandidatur von Joachim Gauck nicht zu unterstützen, hat Angela Merkel ganz alleine getroffen. Sie alleine ist nun auch für die 44 Stimmen verantwortlich, die ihrem Kandidaten im ersten Wahlgang fehlten. 44 Stimmen, die unterstreichen, wie labil das Fundament ist, auf dem Kanzlerin und ihre Regierung operieren. Die Frage, woher die Stimmen stammen, die Wulff zunächst fehlten, wird CDU, CSU und FDP noch eine Weile beschäftigen. Die Kanzlerin hat nicht nur die Strahlkraft des Kandidaten Gauck unterschätzt, sie hat auch die Bindekraft ihrer eigenen Entscheidung überschätzt. Deshalb wird die Regierung morgen nicht auseinanderbrechen. Aber stabiler wird sie bis auf weiteres auch nicht werden.