Der Blick zurück fällt häufig verklärend aus. Das ist bei Parteistrategen nicht anders als bei anderen Menschen auch. Und angesichts der seit Wochen anhaltend schlechten Umfragewerte hat die Union derzeit allen Grund, sich ein wenig nach der vermeintlich glorreichen Vergangenheit zu sehnen.

Bei Werten zwischen 30 und 31 Prozent sahen die Meinungsforscher CDU und CSU in dieser Woche. Dass die Situation des Koalitionspartners FDP, der von 14 auf vier Prozent abgesackt ist, noch weit dramatischer ist, kann da kein Trost sein.

Kein Wunder also, dass der Nervositätspegel in der Union in letzter Zeit wieder deutlich angestiegen ist. Aufgeregt wird nach den Ursachen geforscht. CSU-Chef Horst Seehofer etwa hat Merkels Modernisierungskurs als Grund für den Ansehensverlust ausgemacht. Andere sorgen sich um das konservative Profil der Partei.

Und manch einer schwelgt im Gestern. Die Kohl-Ära erscheint da gerne im strahlenden Licht. Schließlich lag die Partei bei Bundestagswahlen bis 1994 immer über 40 Prozent. Früher sei die CDU eine Familie gewesen. Heute sei dieses Gefühl verloren gegangen, heißt es in Parteikreisen mitunter. Oder dass unter Kohl keiner lange habe erklären müssen, wofür die CDU eigentlich stehe. Ganz im Gegensatz zu heute.

Dass dies jedoch eine romantisierende Sicht auf die Dinge ist, beweist ein einfacher Blick in die Statistik. In der CDU werde zu gerne vergessen, dass der Niedergang der Partei schon unter Kohl begann, sagt etwa der Chef des Meinungsforschungsinstituts Forsa, Manfred Güllner. Unter Kohls Kanzlerschaft habe die CDU ein Drittel ihrer Wählersubstanz verloren. "Bei Kohls erster Wahl zum Bundeskanzler 1983 haben 43 von hundert Wahlberechtigten CDU gewählt, 16 Jahre später waren es noch 23 von hundert", sagt Güllner.

Kohl sei in der Bevölkerung zudem weit unbeliebter gewesen als Merkel und habe im Gegensatz zu Amtsvorgängern wie Konrad Adenauer oder Helmut Schmidt auch nie von einem Amtsbonus profitieren können. "Durch seine Art und die vielen Pannen, die seit Beginn seiner Amtszeit passierten, hat Kohl zur Erosion des Vertrauens in die CDU beigetragen", urteilt der Forsa-Chef.

Ähnlich sieht es im Prinzip auch der Politikwissenschaftler und Merkel-Biograf Gerd Langguth. "Kohl hat prozentual im Laufe seiner Amtszeit stark an Zustimmung verloren. Insofern hat er das heutige Desaster der CDU mit herbeigeführt", sagt er.

Andererseits dürfe man natürlich nicht übersehen, dass allgemeine gesellschaftliche Tendenzen, wie etwa die zunehmenden unterschiedlichen Lebensentwürfe in der Gesellschaft oder das Ende des für die Union identitätsstiftenden Ost-West-Konflikts, an dieser Entwicklung einen wesentlichen Anteil gehabt hätten. Ein Teil der klassischen CDU-Wählerschaft sterbe zudem einfach weg.

Gegen diese Tendenzen habe eben aber auch Kohl kein wirksames Mittel gefunden. Selbst wenn es ihm besser als Merkel gelungen sei, für Integration in der Partei zu sorgen. "Kohl war immer die Seele der Partei", sagt Langguth. Das könne man von der nüchtern-pragmatischen Merkel nicht behaupten.

Nach Ansicht von Güllner ist aber nicht nur die unkritische Verklärung der Kohl-Jahre falsch. Auch die Analyse, dass das Problem der CDU vor allem mit der Vernachlässigung konservativer Stammwähler zu tun habe, führe in die Irre.