Frage: Herr Lafontaine, seit gut 100 Tagen sind Sie nicht mehr Linken-Vorsitzender. Fehlt Ihnen das Mitmischen in der ersten Reihe?

Oskar Lafontaine: Die neuen Parteichefs Gesine Lötzsch und Klaus Ernst machen ihre Sache gut. Wo mein Rat gefragt ist, werde ich ihn auch weiter geben.

Frage: Gab es Momente, in denen Sie den Rückzug aus der Bundespolitik bereut haben?

Lafontaine: Solche Momente gibt es natürlich immer wieder, wenn man politisch engagiert ist. Aber mein Rückzug hatte ja massive Gründe. Eine Krebserkrankung ist kein Pappenstiel.

Frage: Sogar die Parteizeitung „Neues Deutschland“ stellt der neuen Parteiführung ein schlechtes Zeugnis aus. Der Linkspartei gelinge es nicht, die öffentliche Debatte zu beeinflussen. Woran liegt das?

Lafontaine: Unsere Meinung wird in den Medien fast immer systematisch ausgeblendet, deshalb dringen wir nicht so durch, wie wir wollen. Die Opposition besteht für viele Medien nur aus SPD und Grünen. Wir machen aber auch Fehler. Wir sollten uns nicht überflüssige interne Debatten liefern, sondern die politische Auseinandersetzung mit den anderen Parteien suchen. Ein entscheidendes Thema ist die Rente.

Frage: Die SPD will den Einstieg in die Rente mit 67 um drei Jahre verschieben. Freuen Sie sich über diesen Kursschwenk?

Lafontaine: Das ist nur eine bescheidene Korrektur. Die SPD-Beschlüsse ändern nichts daran, dass massive Altersarmut vorprogrammiert ist. Das Rentenniveau wird durch verschiedene Faktoren, die mit der Rente mit 67 gar nichts zu tun haben, in den nächsten Jahren um 33 Prozent gekürzt. Wer heute 1000 Euro im Monat verdient, hat nach 45 Arbeitsjahren einen Rentenanspruch von 400 Euro.

Frage: Wie sollte die Politik denn auf die steigende Lebenserwartung reagieren?

Lafontaine: Die Löhne sollten wieder der Produktivität folgen. In Deutschland war die Lohnentwicklung in den letzten Jahren um 30 Prozent schwächer als in Luxemburg. Wenn die Löhne steigen, werden auch höhere Renten gezahlt. Dann würden es die Arbeitnehmer auch gut verkraften, wenn der Rentenbeitrag um ein oder zwei Prozentpunkte angehoben wird. Wer den Rentnern wirklich helfen will, muss das deutsche Lohndumping beenden.

Frage: Viele haben erwartet, dass nach Ihrem Rückzug die Zusammenarbeit in der Opposition besser läuft. Das Gegenteil ist der Fall. Warum gelingt es SPD und Linken nicht, ihr Verhältnis zu entkrampfen?

Lafontaine: Das liegt am Programm. SPD und Grüne stehen für Hartz IV, sie stehen für die Zerstörung der Rentenformel und sie befürworten Kriegseinsätze der Bundeswehr. Wir werden unsere Positionen nicht aufgeben, nur weil SPD und Grüne sie immer erst dann revidieren, wenn es nicht mehr anders geht.

Frage: Bei der SPD ist zumindest Bewegung erkennbar. Müsste die Linke nicht auch mal auf die Sozialdemokraten zugehen?

Lafontaine: Ich finde es logisch, dass die SPD die Fehler korrigiert, die zu einem massiven Vertrauensverlust bei ihren Anhängern geführt haben. Aber wir können doch nicht unsere Ablehnung von Kriegen aufgeben, um der SPD sympathisch zu werden.