Seit heute ist es offiziell ein Zweikampf: Bundesumweltminister Norbert Röttgen will CDU-Landeschef in Nordrhein-Westfalen werden. Seit der frühere nordrhein-westfälische Integrationsminister Armin Laschet vor etwas mehr als einer Woche ebenfalls seinen Anspruch auf das Amt bekundet hatte, war über die Ambitionen des Bundesumweltministers spekuliert worden.

Einen Tag vor seiner Rückkehr aus dem Urlaub stellte der nun klar, dass er nicht daran denke, einfach klein bei zu geben. Die Parteimitglieder sollten entscheiden, "anstatt dass einige wenige Personen Posten unter sich aufteilen", teilte er per Brief mit. Dem größten CDU-Landesverband steht damit also eine Kampfkandidatur um das Amt des Vorsitzenden ins Haus.

Das Besondere an dieser Konstellation dürfte dabei sein, dass die beiden Konkurrenten inhaltlich eher wenig voneinander unterscheidet. Beide sind vielmehr Vertreter jenes Modernisierungskurses, den Angela Merkel ihrer Partei in den vergangenen Jahren verordnet hat. Laschet auf dem Feld der Familien- und Integrationspolitik, Röttgen in der Umweltpolitik.

Und die Gemeinsamkeiten gehen weit darüber hinaus. Beide sind etwa gleich alt (Laschet Jahrgang 1961, Röttgen Jahrgang 1965), verheiratet, beide haben drei Kinder. Beide sind studierte Juristen, beide sind – wie der stellvertretende Vorsitzende des CDU-Bezirks Münsterland, Karl Schiewerling, sagt – "tief geerdet im katholischen Milieu". "Sie sind ähnliche politische Phänotypen", sagt auch der Vorsitzende des Bundestagsinnenausschusses, Wolfgang Bosbach – auch er ein Nordrhein-Westfale.

Röttgen und Laschet sind darüber hinaus aber auch alte Bekannte. Sowohl Röttgen als auch Laschet kamen 1994 erstmals in den Bundestag. Gemeinsam gehörten sie zur Gruppe jener jungen CDU-Abgeordneten, die den Konformitätsdruck und die Unbeweglichkeit der späten Kohl-Jahre kritisierten und neue, liberalere Positionen vertraten. Sie gehörten der sogenannten Pizza-Connection an, jener Gruppe von CDU-Abgeordneten, die sich regelmäßig mit Parlamentariern der Grünen trafen und so neue Machtoptionen für ihre Partei ausloteten.

Erst danach trennten sich ihre Wege. Während Röttgen Bundestagsabgeordneter blieb, ging Laschet zunächst ins Europaparlament. Doch selbst der Zeitpunkt ihres eigentlichen Aufstiegs fällt schon wieder zusammen. Nach dem CDU-Sieg in Nordrhein-Westfalen im Mai 2005 wurde Armin Laschet dort Integrationsminister und galt seither als eine der Symbolfiguren für den veränderten Umgang der Union mit dem Thema Zuwanderung.

Norbert Röttgen wurde Anfang 2005 Parlamentarischer Geschäftsführer der Unionsfraktion, was er auch zu Zeiten der Großen Koalition blieb. Seine Loyalität belohnte Merkel nach der Wahl 2009 mit dem Amt des Bundesumweltministers. Dort ringt er derzeit vor allem mit der eigenen Partei, weil er die Laufzeiten für Atomkraftwerke um eine deutlich geringere Zeitspanne verlängern will als viele andere in der Union.

Den größten inhaltlichen Unterschied zwischen beiden kann man vielleicht noch auf dem Gebiet der Wirtschaftspolitik ausmachen. Während Laschet Mitglied der Christlich Demokratischen Arbeitnehmerschaft (CDA) ist, gehört Röttgen dem Wirtschaftsrat der CDU an.

Dass Röttgen eher als Laschet als Mann der Wirtschaft gilt, hat auch damit zu tun, dass er 2006 vorübergehend mit einem Wechsel an die Spitze des Bundesverbandes der Deutschen Industrie liebäugelte. Großes Ansehen in Sachen Wirtschaftskompetenz erwarb er sich aber erst mit einer Rede auf dem Höhepunkt der Finanzkrise. Er habe der Partei, die sich plötzlich damit konfrontiert sah, in vielen Fragen gegen ihre ureigensten ordnungspolitischen Grundsätze verstoßen zu müssen, damals die Orientierung gegeben, die man von Merkel vergeblich erwartet habe, hieß es hinterher.

Wenn Röttgen nun die offene Auseinandersetzung mit Laschet sucht, zeigt das vor allem, dass er wohl noch größere Ambitionen hat. Wenn er in der Partei noch mehr werden will, irgendwann vielleicht sogar Kanzlerkandidat, dann braucht er den Rückhalt eines starken Landesverbandes. Zumal Armin Laschet zuletzt nicht geneigt schien, Röttgen im Gegenzug für einen Kandidaturverzicht den Posten des Merkel-Stellvertreters in der Bundes-CDU zu überlassen, der üblicherweise dem NRW-Vorsitzenden zufällt. Röttgen blieb im Hinblick auf seine künftige Karriere kaum etwas anderes übrig als es auf die Kampfkandidatur ankommen zu lassen.