Im niedersächsischen Bad Nenndorf haben Hunderte gegen einen Aufmarsch von Neonazis demonstriert. Mit Sitzblockaden, Vuvuzelas und Sprechchören versuchten sie, die rechtsextreme Veranstaltung mit rund 870 Teilnehmern zu stören. Nach Angaben der Polizei wurden mehrere Demonstranten in Gewahrsam genommen.

Nach Angaben des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) waren rund 1200 Menschen dem Aufruf zur Gegendemonstration gefolgt. Die Polizei sprach von rund 900 Teilnehmern.

Nach einer Kundgebung fuhr eine Gruppe von Demonstranten mit einem Kleinbus samt Anhänger hinter die Polizeiabsperrung und lud eine etwa 1,30 Meter hohe Betonpyramide ab. An diese ketteten sich vier Menschen. Das geschah etwa 100 Meter vom geplanten Kundgebungsort der Rechten entfernt. Deren Protestzug hatte sich allerdings noch nicht in Bewegung gesetzt. Nach Polizeiangaben waren rund 850 Anhänger der rechten Szene in der Stadt und sammelten sich am Bahnhof.

Das Oberverwaltungsgericht (OVG) Lüneburg hatte erst gestern Abend die Kundgebung der Nazi-Gegner bewilligt und die Verbotsentscheidung des Landkreises Schaumburg für die vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) organisierte Gegendemonstration aufgehoben. In erster Instanz hatte das Verwaltungsgericht Hannover das Verbot der Gegendemonstration bestätigt, den Aufmarsch der Neonazis aber gestattet.

Beide Demonstrationen dürfen nun getrennt voneinander stattfinden. Dem DGB hatte das Oberverwaltungsgericht Lüneburg jedoch nur eine Versammlung genehmigt – die Demonstranten dürfen lediglich an einer festen Stelle protestieren und nicht durch die Stadt ziehen. Den Rechten wurde auf einer eingeschränkten Route eine Demonstration eingeräumt.

Das Verbot der DGB-Gegenkundgebung hatte bei dem breiten Bündnis unter Führung des DGB scharfe Proteste ausgelöst. "Nazis dürfen laufen und Demokraten müssen zuhause bleiben", sagte der hannoversche DGB-Chef Sebastian Wertmüller. Auch SPD und Grüne hatten die Entscheidung des Hannoveraner Gerichts kritisiert.

Der Landkreis Schaumburg hatte beide Demos am Mittwoch verboten, weil polizeilicher Notstand herrsche. Da deutlich mehr gewaltbereite Teilnehmer anreisen würden, reichten die vorhandenen Einsatzkräfte nach Angaben der Kreisverwaltung nicht aus, um für Sicherheit zu sorgen. Ob dieser polizeiliche Notstand tatsächlich herrsche oder nicht, habe das Gericht nicht feststellen können, sagte ein Sprecher. In einem Eilverfahren sei es nicht möglich, die Einsatzplanung der Polizei zu überprüfen.

Im Jahr 2006 hatten sich Neonazis erstmals in Bad Nenndorf zu einem sogenannten "Trauermarsch" getroffen. In der Stadt gab es nach dem Zweiten Weltkrieg ein Verhörzentrum der britischen Truppen, in dem gefangene Nationalsozialisten misshandelt wurden.

Der DGB will die Neonazis daran hindern, in Bad Nenndorf langfristig eine Nachfolgeveranstaltung für die bis vor wenigen Jahren übliche Gedenkveranstaltung für den Hitler-Stellvertreter Rudolf Heß in Wunsiedel zu etablieren. Diese war höchstrichterlich verboten worden.