Für Opposition und Umweltverbände ist es ein "schwarzer Tag für Deutschland" , eine unverantwortliche Entscheidung, ein Kniefall vor den Interessen der Atomlobby. Die Wirtschaft ist dagegen zufrieden. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel hält das Energiekonzept – im Kern durchschnittlich zwölf Jahre längere Atomlaufzeiten –  für "weitreichend und umfassend". Die CDU-Politikerin sprach sogar von einer "Revolution".

Kurz vor ihrer Abreise nach Lettland und Litauen verteidigte Merkel die in der Koalition erzielte Einigung. "Unsere Energieversorgung wird damit die effizienteste und umweltverträglichste weltweit." Man habe die Sorgen von Bürgern und Unternehmen ernst genommen und dafür gesorgt, dass Energie in Deutschland bezahlbar bleibe. Als Schwerpunkte des Konzepts nannte die CDU-Chefin den Ausbau der Stromnetze, die Forschung im Bereich von Speicherbausteinen und Gebäudesanierungen zur besseren Wärmedämmung.

In der Nacht zu Montag hatten sich die Spitzen von Union und FDP auf längere Laufzeiten von durchschnittlich zwölf Jahren für Atomkraftwerke (AKW) geeinigt – gestaffelt nach dem Alter der AKW. So sollen ältere Atommeiler acht Jahre und jüngere 14 Jahre zusätzlich am Netz bleiben. Die Kanzlerin hob hervor, dass die Bundesregierung mit der Einigung gezeigt habe, dass sie in der Lage sei, auch kontrovers diskutierte Themen einer Lösung zuzuführen.

Wann das letzte AKW endgültig abgeschaltet werde, könne man nach Angaben von Merkel noch nicht hundertprozentig sagen. Experten rechnen damit im Jahr 2040 oder später. Die Koalition habe mit ihrem Energiekonzept das Jahr 2050 im Blick, sagte die CDU-Chefin. "Die Phase der Unsicherheit ist nun überwunden." Die Koalition habe einen Fahrplan aufgestellt, "um das Zeitalter der erneuerbaren Energien möglichst schnell zu erreichen".

Den Beitrag der Atomindustrie für den Ausbau erneuerbarer Energien nannte die Kanzlerin "substanziell". "Gute Teile der Gewinne aus der Laufzeitverlängerung" würden den erneuerbaren Energien zugute kommen. Zudem müssten die vier Energiekonzerne RWE, EnBW, Vattenfall und E.on in den kommenden Jahren noch erhebliche Summen in die Sicherheit der länger laufenden Atommeiler investieren. Ferner sollen ab 2013 sämtliche Erlöse aus dem Verkauf von Kohlendioxid-Verschmutzungsrechten für den Ausbau des Öko-Stroms und des Klimaschutzes verwendet werden. "Das werden jedes Jahr deutlich über zwei Milliarden Euro sein."

Die Industrie reagierte positiv auf die Einigung. Der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Industrie, Werner Schnappauf, sprach von einem "wichtigen Baustein für das Energiekonzept" der Bundesregierung. Die Entscheidung dämpfe den Strompreis, was die Industrie wettbewerbsfähig halte und somit Arbeitsplätze sichere.

Der Energiekonzern EnBW teilte mit, die Bundesregierung trage der Tatsache Rechnung, dass "die Kernenergie eine große Bedeutung für eine wirtschaftliche und klimaschonende Stromversorgung bei gleichzeitig hoher Versorgungssicherheit" habe. Allerdings, sagte Vorstandschef Hans-Peter Villis, die Belastungen durch Brennelementsteuer und der weiteren Abgabe für die Förderung Erneuerbarer Energien seien "tiefe Einschnitte". Beides nehme Einfluss auf Ertragslage und Investitionsplanung des Konzern.   

E.on-Chef Johannes Teyssen äußerte sich ähnlich positiv zum Laufzeitenbeschluss der Regierung und erwähnte zugleich "erhebliche Belastungen in Form von Steuern und Förderbeiträgen". Die Regierung habe die "Belastungsschraube erheblich angezogen", sagte Teyssen.

Das unabhängige Freiburger Öko-Institut geht hingegen davon aus, dass die vier großen Energiekonzerne auf Zusatzeinnahmen von 127 Milliarden Euro hoffen können. Nur ein Viertel dieser Gewinne würde durch Brennelementesteuer und Zusatzabgaben abgeschöpft.

Kanzlerin Merkel zeigte sich zuversichtlich, dass die Laufzeitverlängerung bei eventuellen Verfassungsklagen der Opposition Bestand haben wird. Die schwarz-gelbe Koalition will das Gesetz ohne den Bundesrat durchsetzen. SPD, Grüne und mehrere Länder haben bereits mit einem Gang nach Karlsruhe gedroht. In der Länderkammer haben Union und FDP seit der Bildung der rot-grünen Minderheitsregierung in Nordrhein-Westfalen keine Mehrheit mehr.