Die Großdemonstration richtet sich gegen das Vorhaben der Regierung, die Laufzeiten der Atomkraftwerke um durchschnittlich zwölf Jahre zu verlängern . Die Veranstalter gaben die Zahl der Demonstranten mit etwa 100.000 an. "Das Regierungsviertel wurde nicht nur umzingelt, sondern geflutet", sagte ein Sprecher. Die Polizei sprach hingegen von etwa 40.000 Demonstranten. Die Veranstalter hatten im Vorfeld mit mehr als 50.000 Teilnehmern gerechnet.

Die Protestierenden, die aus ganz Deutschland angereist waren, ließen sich in einer Kette um Reichstag und Kanzleramt zu einer symbolischen Sitzblockade nieder. Über den Demonstranten wehte ein Meer von Fahnen. Besonders häufig zu sehen war die gelbe Fahne mit der roten Sonne und dem Schriftzug "Atomkraft? Nein Danke" der Anti-Atomkraft-Bewegung der 1980er Jahre. Mit einem "Atom-Alarm" aus Trillerpfeifen und Tröten klang die Protestaktion lautstark aus. Im Anschluss fand eine Abschlusskundgebung vor dem Hauptbahnhof statt. Eine zunächst geplante Kundgebung vor dem Reichstagsgebäude war gerichtlich untersagt worden. 

"Wir werden der Bundesregierung zeigen, dass sie mit ihrem atompolitischen Kurs nicht durchkommt", sagte der Sprecher der Organisation "Ausgestrahlt", Jochen Stay. "Wir lassen jetzt nicht mehr locker, bis wir die Regierungspläne gekippt haben und die Atomkraftwerke endlich stillgelegt werden." 

SPD, Grüne und Linke unterstützen die Proteste. Unter den Demonstranten waren zahlreiche prominente Politiker wie SPD-Chef Sigmar Gabriel, die Grünen-Vorsitzenden Claudia Roth und Cem Özdemir sowie die Grünen-Fraktionschefs Renate Künast und Jürgen Trittin.

Der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel warf der Regierung wegen ihrer Atompolitik am Rande der Demonstration das Schüren eines der größten gesellschaftlichen Konflikte der Bundesrepublik vor. "Man darf nicht unterschätzen, welche Sprengkraft dieses Thema hat", sagte Gabriel. Der SPD-Chef bekräftigte, dass die geplante Verlängerung der Laufzeit bei einem möglichen Regierungswechsel rückgängig gemacht werde.

Die Grünen-Chefin Claudia Roth sagte, was Union und FDP planten, sei ein Anschlag auf die Demokratie. Am Bundesrat vorbei wolle Schwarz-Gelb den "Atom-Deal" beschließen. Dagegen würden die Grünen und mehrere Bundesländer vor dem Bundesverfassungsgericht klagen.

Zudem handele die Regierung am Parlament vorbei in Hinterzimmern mit den Atomkonzernen die Bedingungen für längere Laufzeiten aus. "Das ist ein sittenwidriger Vertrag", sagte Roth. "Wir werden auf der Straße zeigen, dass diese Politik von Schwarz-Gelb keine Mehrheit hat." Man werde auf allen Ebenen gegen die Atompläne kämpfen. "Diese Regierung ist ein Handlanger der Atomkonzerne, die immer mehr Profite machen." Wenn jemand in diesem Land verfassungsfeindlich sei, dann sei dies die schwarz-gelbe Bundesregierung, die keine transparente Politik mache, sagte die Grünen-Vorsitzende.

FDP-Generalsekretär Christian Lindner warf SPD und Grünen vor, mit den Ängsten der Menschen zu spielen. "Ihre Kritik an den Sicherheitsanforderungen ist geradezu heuchlerisch, da Rot-Grün den Konzernen beim damaligen Ausstiegsbeschluss einen politisch ungestörten Betrieb vertraglich zugesichert hat", sagte der Politiker. Mit ihrem Energiekonzept habe die Bundesregierung eine rationale Entscheidung getroffen, "die den Stromkunden dient, nicht den Stromunternehmen".

Bei der letzten großen Anti-Atom-Demonstration in Berlin vor einem Jahr waren hunderte Bauern aus Niedersachsen mit mehr als 300 Traktoren vor dem Brandenburger Tor aufgefahren. Damals sprach die Polizei von 36.000 Teilnehmern, die Veranstalter von 50.000.

Die größten Anti-Atomkraft-Proteste in Deutschland mit mehr als 100.000 Kernkraftgegnern waren die Demonstrationen in Gorleben und Bonn 1979 sowie die Proteste 1981 in Brokdorf und 1986 in Wackesrdorf.