Die Koalition weist die Kritik an ihrem Hartz-Beschluss zurück, der eine Steigerung des Regelsatzes um lediglich fünf Euro vorsieht. Bundeskanzlerin Angela Merkel und auch CSU-Chef Horst Seehofer wiesen den Vorwurf zurück, sie hätten aus politischen Beweggründen gehandelt. "Wir können das gar nicht politisch entscheiden, weil es gerichtlich überprüfbar sein muss", sagte Seehofer. Angela Merkel wies darauf hin, dass es ohne die vom Bundesverfassungsgericht geforderte Neuberechnung der Regelsätze gar keine Erhöhung gegeben hätte. "Wir halten einvernehmlich die jetzt gefundene Lösung für sachgerecht."

Man dürfe nicht nur die Erhöhung um fünf Euro sehen, sondern müsse bei Familien die geplante Erhöhung der Bildungsleistungen pro Kind von durchschnittlich 20 Euro dazurechnen. Dadurch komme man für Familien prozentual auf eine wesentlich größere Steigerung. "So etwas hat es in den letzten Jahrzehnten nicht gegeben", sagte Merkel. Sie sei bereit zu Gesprächen mit der SPD. Aber wer immer jetzt die Zahlen der Arbeitsministerin kritisiere, müsse genau sagen, welche Bestandteile er nicht mehr in der Berechnung der Regelsätze haben wolle. Es gehe nicht um einen "politischen Wunschzettel", sondern um objektive Kriterien, sagte Seehofer.

Beide Parteischefs betonten, dass es bei den Regelsätzen um die Grundsicherung von Langzeitarbeitslosen gehe und das übergeordnete Ziel bleibe, Menschen wieder aus der staatlichen Unterstützung hinaus in Arbeit zu bringen. Seehofer wies darauf hin, dass eine Anhebung der Hartz-IV-Regelsätze auch den 20 Millionen Rentnern in Deutschland vermittelt werden müsse, von denen viele Bezüge nur knapp oberhalb der Regelsätze bezögen.

FDP-Parteichef Guido Westerwelle warf SPD und Grünen vor, mit ihren Forderungen nach höheren Zahlungen den Sozialstaat zu gefährden. "Dieses Ausplündern der Mitte und der Steuerzahler, wie es von SPD und Grünen vorgeschlagen wird, ist in meinen Augen eine wirkliche Gefährdung des Sozialstaats", sagte Westerwelle.

Der Vizekanzler fügte hinzu, man müsse immer beides im Blick haben, "diejenigen, denen wir helfen wollen, aber auch diejenigen, die das alles erarbeiten müssen". Er warnte zudem vor einer erneuten Zunahme der Arbeitslosigkeit.

Die Kritik der SPD an den Regierungsplänen bezeichnete CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe als verlogen. Als die Sozialdemokraten noch regierten, hätten sie die von ihnen festgelegte Höhe als ausreichend erklärt, sagte Gröhe in Berlin. "In der Opposition macht die SPD nun das Füllhorn auf." Im Gegensatz zu rot-grünen Regierungszeiten werde heute die Praxisgebühr zum Existenzminimum gerechnet. Zigaretten und Alkohol gehörten hingegen nicht dazu.

CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt sagte, die Berechnung der neuen Sätze beruhe auf objektiven Grundsätzen, die das Bundesverfassungsgericht angemahnt habe. "Wir haben die politische Entscheidung getroffen, dass Schnaps und Zigaretten aus den Berechnungsgrundlagen herauskommen." Dagegen seien Kosten für Dinge wie Internet und Kleidung jetzt abgedeckt. "Jetzt passt die Berechnung." Zuvor hatte bereits die verantwortliche Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) die neuen Sätze als "sehr gerecht" bezeichnet.

Dobrindt warf SPD-Chef Sigmar Gabriel vor, er habe "jetzt die Mitte unserer Gesellschaft zur Plünderung freigegeben". Er wolle die Einkommensteuer erhöhen, er wolle " Hartz IV de luxe und eine Rolle rückwärts bei der Rente mit 67". Alle Menschen, die dieses Land vorwärts bringen wollten, "lässt die SPD im Regen stehen". Die SPD hatte sich auch auf ihrem Parteitag am Wochenende für eine Erhöhung der Steuer für Besserverdienende ausgesprochen.

Der so Angesprochene ließ sich dadurch jedoch von seiner Kritik nicht abbringen. "Es geht nicht um Alkohol und Zigaretten, wie die Kanzlerin versucht klarzumachen, sondern darum, dass eine Mutter Geld haben muss, um ihrer Tochter oder ihrem Sohn mal ein zweites paar Schuhe zu kaufen", sagte Gabriel in einem Interview. Um mehr Geld für Hartz-IV-Empfänger zu haben, forderte der SPD-Chef einen Verzicht auf das von der Union geplante Betreuungsgeld für Eltern, die ihre Kinder zu Hause erziehen, sowie eine Rücknahme der umstrittenen Steuerermäßigungen für Hoteliers.

Auch die Grünen zeigten sich unbeeindruckt. Bundestagsfraktionschef Jürgen Trittin warf der Koalition im Deutschlandfunk "soziale Kälte vom Schlimmsten" vor. Die Hartz-IV-Minianhebung zeige einmal mehr den Charakter dieser Koalition, sagte Trittin. In diesem Zusammenhang verwies auch er auf die Milliarden-Steuerentlastung für Hoteliers.