Noch am Wochenende zeigte sich SPD-Chef Gabriel überzeugt: Zumindest der größte Teil der Mitglieder werde einen Parteiausschluss von Thilo Sarrazin wegen dessen Ansichten zur Integrationsfähigkeit muslimischer Einwanderer unterstützen. Nun haben sich allerdings prominente Sozialdemokraten auf die Seite des vorläufig suspendierten Bundesbank-Vorstands geschlagen: Der frühere Hamburger Bürgermeister Klaus von Dohnanyi kündigte an, Sarrazin in einem Ausschlussverfahren beizustehen. "Wenn die SPD ihn ausschließen will, stehe ich bereit, ihn vor der Schiedskommission zu verteidigen", schrieb Dohnanyi in einem Beitrag für die Süddeutsche Zeitung . "Einen fairen Prozess wird es ja wohl noch geben."

Sarrazins Berliner Kreisverband hat das Ausschlussverfahren beantragt. Der SPD-Parteivorstand wird dieses formal voraussichtlich erst in der nächsten Woche in Gang setzen. Grund ist laut Parteichef Gabriel Sarrazins Kernthese, "dass Menschen genetisch disponiert sind und bestimmte Verhaltensweisen sich nicht etwa kulturell vererben, sondern genetisch, biologisch".

Dohnanyi nahm Sarrazin dagegen vor dem Vorwurf in Schutz, ein Rassist zu sein. Niemand mit Sachkenntnis könne heute noch bestreiten, dass es "besondere kulturelle Eigenschaften von Volksgruppen" gebe. Sarrazin habe nicht die Muslime insgesamt angegriffen, sondern nur jenen Teil von Zuwanderern, der sich weigere, seine "Kinder zum Deutschlernen, zu Bildungswillen und offener Integrationsbereitschaft zu erziehen". Nach seiner Auffassung würde Sarrazin wegen seines umstrittenen Buches "aus keiner anderen europäischen Linkspartei ausgeschlossen", schrieb Dohnanyi. Die Deutschen allerdings scheuten vor dem Hintergrund des Holocausts Debatten und Worte, die bei anderen Völkern gang und gäbe seien.

Auch der Bürgermeister der Berliner Bezirks Neukölln, Heinz Buschkowsky (SPD), warnte seine Partei vor einem Ausschluss Sarrazins. "Wenn die SPD den Eindruck erweckt, dass sie keinen offenen Diskurs mehr pflegen will, dass sie unbequeme, ärgerliche Positionen dadurch löst, dass sie jemanden entsorgt – er ist nicht mehr bei uns, er geht uns nichts mehr an, wir diskutieren darüber nicht mehr – dann werden die Menschen sagen: ,Die SPD verweigert sich meinen Problemen, die mich tagtäglich nerven.' Und dann werden sie sich anderen zuwenden. Ich glaube, dass diese Aktion die SPD Stimmen kosten wird", sagte er.

Sarrazin selbst war am Wochenende davon ausgegangen, dass seine umstrittenen Thesen von großen Teilen der Bevölkerung unterstützt werden. Auf einen Rücktritt als Bundesbank-Vorstand habe er deswegen verzichtet, sagte er dem Focus . "Der gewaltige Zuspruch war für mich aber Zeichen genug, dass ich nicht nur an meine Bequemlichkeit denken durfte."

Zudem hatte Sarrazin Bundespräsident Christian Wulff dazu aufgefordert , sich nicht an einem "Schauprozess" zu beteiligen. Wulff muss entscheiden, ob er dem Abberufungsantrag der Bundesbank gegen Sarrazin zustimmt. Er hat die Prüfung des Falles bestätigt und zunächst das Bundesfinanzministerium um eine Stellungnahme gebeten.