Der Vorwurf war wieder einmal flugs bei der Hand, noch dazu von höchsten Stellen. Der Außenminister warf Frau Steinbach vor, sie untergrabe das Ansehen Deutschlands in der Welt, wenn es um die Verantwortung Deutschlands für den Zweiten Weltkrieg gehe, dürfe sich niemand Zweideutigkeiten erlauben. Und der Bundespräsident hatte den Vorstand der Bundesbank zum Einschreiten aufgefordert, damit die Diskussion um Sarrazin "Deutschland nicht schadet vor allem auch international".

Nun gibt es gute Gründe, Frau Steinbach oder Herrn Sarrazin kräftig zu kritisieren, vor allem da die Vertriebenenpräsidentin mit ihren Angriffen gegen den polnischen Deutschland-Beauftragten Wladyslaw Bartoszewski gar noch einmal nachlegte. Aber diese Gründe darf man nicht einem anonymen Ausland in den Mund legen. Und Zweideutigkeiten über die deutsche Verantwortung für den Zweiten Weltkrieg sind grundsätzlich von Übel, nicht erst wegen etwaigem ausländischem Unmut.

Gewiss, über Deutschland liegt der lange Schatten einer bedrückenden, im Bewusstsein auch vieler unserer Partner noch präsenten Vergangenheit. Aber dieses Bewusstsein würde erst recht wach, wenn heimische kritikwürdige Vorgänge nur wegen fremden Unbehagens von uns selbst als solche erkannt und verurteilt würden.

Auf unsere jüngsten Erregungsthemen hat "das Ausland" im übrigen recht gelassen reagiert. In allen europäischen Ländern drückt die Frage der Zuwanderung, nicht nur bei uns. In allen Demokratien gibt es Geschichtsverdreher. Weil es deutscher Politik und Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten überzeugend gelungen ist, unser Land vom Verdacht des Zurückrutschens in die Nazi-Vergangenheit zu befreien, werden solche Erscheinungen, zeigen sie sich auch in Deutschland, draußen nicht mehr als sonderlich besorgniserregend empfunden.

Weder Thesen und Vokabular von Sarrazin oder Steinbach, wenn man sie überhaupt wahrnimmt, werden jenseits unserer Grenzen als Gefahr für die deutsche Demokratie verstanden oder schmälern das Ansehen Deutschlands. Wer sich dort in den letzten Wochen ein wenig umsah, konnte keinerlei anti-deutsche Aufregung spüren, auch nicht über Steinbach und die Mobilmachung in Polen. "Die deutsch-polnischen Beziehungen sind viel zu stark, um durch so etwas ernsthaft in Gefahr gebracht zu werden", hat dazu Marek Prawda, der Botschafter Polens in Berlin, gerade erklärt.

Deswegen sollte endlich Schluss sein mit der Vereinnahmung des Auslands als Munition im deutschen Meinungsstreit, zumal bei Personen, die es besser wissen müssten. Wenn der Außenminister sich wirklich für die Meinungslage bei unseren Nachbarn interessiert, würde er bald herausfinden, dass sie ganz andere Sorgen über Deutschland und seine Regierung umtreiben. Nicht verbale Fehltritte à la Steinbach oder Sarrazin schaffen nämlich dort Verdruss. Es ist vielmehr das Rätselraten, wofür das Schwergewicht Deutschland eigentlich in Europa und der Welt steht und einsteht.

Heute tut das wirtschaftsstärkste Land der EU – ohne das nichts in Europa gelingen kann –, so, als gönne es sich eine Auszeit. Die Außenpolitik der Regierung Merkel/Westerwelle ist bestenfalls Außenwirtschaftspolitik. Das Europa-Engagement der Bundesrepublik ist erschlafft. Außenpolitische Prioritäten sind nicht zu erkennen, außenpolitische Ambitionen und Initiativen Fehlanzeige. Wer nach der internationalen Strategie Deutschlands fragt, muss sich mit den Gemeinplätzen im Koalitionsvertrag bescheiden.

Wahrscheinlich dient am Ende der Streit um Sarrazin und Steinbach, der unseren Nachbarn eine engagierte Demokratie vorführt, durchaus dem deutschen Ansehen in der Welt. Zumindest schadet er ihm nicht. Was dieses Ansehen dagegen immer spürbarer ankratzt, ist die behäbige Gleichgültigkeit, mit der diese Bundesregierung das internationale Gestaltungspotential Deutschlands verkümmern lässt.