ZEIT ONLINE: Herr Klingholz, Horst Seehofer glaubt, der Fachkräftemangel könnte auch ohne Einwanderer aus anderen Kulturkreisen überwunden werden. Stimmt das?

Reiner Klingholz : Das ist falsch. Aktuell fehlen in den deutschen Unternehmen bereits 50.000 bis 70.000 Fachkräfte. Gesucht sind vor allem Ingenieure, Physiker, IT-Experten, aber auch Pflegekräfte. Wir brauchen also am besten ab sofort viele qualifizierte Arbeitskräfte, die aus allen möglichen Ländern zu uns ziehen. Sonst wird Deutschland auf Dauer zu stark überaltern und schlicht nicht mehr wettbewerbsfähig sein. Statistiker haben berechnet, dass die Zahl der Erwerbsfähigen in Deutschland bis 2050 wegen des Geburtenrückgangs um 30 Prozent schrumpfen wird, in Ostdeutschland sogar um 50 Prozent. Da müssen wir jetzt reagieren.

ZEIT ONLINE : Aber braucht man unbedingt Arbeitskräfte aus muslimischen Ländern? Kann unser Fachkräftemangel nicht einfach durch Einwanderer aus Osteuropa aufgefangen werden?

Klingholz: Die osteuropäischen Länder haben doch ihre eigene demografische Krise! Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion sind dort in vielen Ländern Mitte der neunziger Jahre die Geburtenzahlen fast so stark eingebrochen wie in Ostdeutschland. Und weil Wirtschaft und Wohlstand in den neuen EU-Ländern derzeit wachsen, sinkt auch die Attraktivität Deutschlands als Arbeitsort für junge Osteuropäer. Das führt dazu, dass wir inzwischen eine vermehrte Abwanderung polnischstämmiger Personen aus Deutschland verzeichnen. Sie kehren in ihr Heimatland zurück, weil sie dort bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt sehen, die Lebenshaltungskosten geringer sind und sie nicht in der Ferne leben müssen.

ZEIT ONLINE: Und was ist mit den deutschen Arbeitslosen? Viele von ihnen wollen gerne arbeiten. Kann man nicht so die Lücken füllen?

Klingholz:  Das Problem ist, dass gerade Langzeitarbeitslose meist schlecht qualifiziert und zum Beispiel für einen unbesetzten Ingenieursjob nicht geeignet sind. Der laute Ruf von Seiten der Politik nach einer Nachqualifizierung von Arbeitslosen ist sicherlich theoretisch richtig. Aber erstens versucht man das seit vielen Jahren und ist damit nicht besonders erfolgreich. Zweitens dauert das zu lange. Alle Investitionen in Bildung fruchten erst nach 10 bis 20 Jahren. Die Unternehmen können aber nicht 20 Jahre warten.

ZEIT ONLINE: Was bedeutet das also für Deutschland?

Klingholz : Wir müssen im Moment an allen Schrauben drehen. Wir müssen die Qualifikation von Arbeitslosen verbessern, das Rentenalter anheben und eben auch im fernen Ausland offensiv um Zuwanderer werben, wie es andere Staaten, wie Kanada, längst tun.