Der designierte Schlichter Heiner Geißler ist entschlossen, den verfahrenen Streit um das Milliardenprojekt der Bahn zu entschärfen. In einem ersten Interview nach seiner Nominierung als Schlichter formulierte der 80-jährige Politiker die Voraussetzungen für seine Aufgabe. Es müsse "wirklich ganz offen" verhandelt werden, sagte Geißler der Süddeutschen Zeitung. "Befürworter und Gegner müssen die Gewissheit haben, dass alle Informationen (...), dass alle Argumente, alle Fakten, alle Zahlen und alle Einschätzungen ernsthaft auf den Tisch kommen." Die Gespräche müssten zudem ohne Vorbedingungen geführt werden.

Damit stellte er sich gegen Forderungen von SPD, Grünen und des Aktionsbündnisses gegen Stuttgart 21, die bisher einen Baustopp zur Bedingung für Schlichtungsgespräche machen. Grundsätzlich akzeptieren sie jedoch Geißler als Mittelsmann. Der frühere CDU-Generalsekretär bringt Erfahrungen aus verschiedenen Tarifkonflikten mit, bei denen er einen Kompromiss erzielte.

Baden-Württembergs Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU) hatte Geißler vorgeschlagen und damit einen Vorschlag der Grünen aufgegriffen. Mappus hatte aber Vorbedingungen für die Gespräche ebenfalls abgelehnt.

Seit Wochen demonstrieren die Gegner des Bahnhofsneubaus in Stuttgart gegen das Vorhaben , das auch eine Schnellbahnstrecke nach Ulm umfasst. Die Bahn rechnet mit knapp sieben Milliarden Euro Baukosten, Kritiker veranschlagen das Doppelte. Vergangene Woche war die Polizei hart gegen Demonstranten vorgegangen, die das Fällen von fast 300 Bäumen verhindern wollen, die der Baustelle weichen sollen. Vergangenen Freitag gingen allein in Stuttgart etwa 50.000 Menschen auf die Straße. Geißler verlangte nun, während der Gespräche müsse es aber wie bei Schlichtungsverfahren in Arbeitskämpfen eine Friedenspflicht geben.

Er selbst versicherte, mit Sorgfalt und Ernst an seine Aufgabe gehen zu wollen. "Es gibt eine objektive Not in Stuttgart, es gibt eine hoch angespannte Situation, die unbedingt entschärft und beruhigt werden muss", sagte der frühere CDU-Generalsekretär. "Ich will das ernsthaft, gründlich und substanziell tun."

Aus den Reihen des Aktionsbündnisses gegen den Bahnhofs-Bau wurde die Bereitschaft zu ergebnisoffenen Gesprächen mit Geißler laut. "Man kann mit uns auch über eine Friedenspflicht reden, wenn Herr Geißler seine Auftrag ernst nimmt", sagte Gangolf Stocker, einer der Sprecher der Projekt-Gegner. Das Aktionsbündnis gehe nun "Geißler ein Stück weit entgegen" und verzichte auf die Forderung nach einem Baustopp während der Gespräche. Der Sprecher der Gruppe "Parkschützer", Matthias von Herrmann, sagte ZEIT ONLINE, Stocker vertrete damit seine persönliche Meinung und nicht die Haltung des Aktionsbündnisses.

Die Grünen wollen das Bauvorhaben sofort stoppen. Man werde alles versuchen, um Stuttgart 21 zu verhindern, sagte die Bundesvorsitzende Claudia Roth der Stuttgarter Zeitung. Es könne nicht sein, dass man sich mit dem Vermittler dialogbereit an den Tisch setze, während die Bauarbeiten weitergehen. "Wer sie vorantreibt, will Fakten schaffen, damit diese nach der Wahl möglichst nicht mehr rückgängig gemacht werden", sagte Roth. Wenn die Landesregierung weiterbauen lasse und weitere Vergaben von Aufträgen stattfänden, sei das keine Einladung zu einem ergebnisoffenen Gespräch.

Geißler müsste bei den Vermittlungsgesprächen als Erstes dafür sorgen, dass alle Zahlen offengelegt werden. Im Kern gehe es aber um den Sinn eines Mammutprojekts, um die Finanzierbarkeit sowie die sozialen, kulturellen, ökologischen und ökonomischen Folgen. "Man muss über das Projekt als solches reden und nicht nur über einige Gestaltungselemente", so Roth.

Ministerpräsident Mappus will sich am Donnerstag mit Schülern aus Stuttgart treffen, die vergangene Woche dabei waren, als die Auseinandersetzung eskalierte und die Polizei mit Pfefferspray und Wasserwerfer gegen Demonstranten vorging. Er hoffe darauf, dass dieses Treffen ein gegenseitiges Verständnis begründen könne, hatte Mappus am Mittwoch in seiner Regierungserklärung gesagt.

Nicht nur die Gegner des Bahnhofs sind aktiv. Mehrere hundert Befürworter von Stuttgart 21 werden am Abend zum "Laufen für Stuttgart" erwartet. Nach einem Lauf durch den Schlossgarten ist eine Kundgebung auf dem Marktplatz geplant, auf der laut Veranstalter auch SPD-Fraktionschef Claus Schmiedel sprechen will. Zeitgleich haben Gegner des umstrittenen Milliardenprojekts zur ersten Online-Demo aufgerufen. Die Facebook-Gruppe "Kein Stuttgart 21" hat für 18 Uhr alle Gegner auf ihre Seite eingeladen, um zu erklären, wie der gemeinsame Protest funktionieren soll.