Bekommen die Befürworter von Stuttgart 21 jetzt Hilfe aus Brüssel? Im Gespräch mit der Rheinischen Post sagte Siim Kallas, der Verkehrskommissar der Europäischen Union, er halte das Projekt für "unverzichtbar". Die Kommission lege "allergrößten Wert darauf", dass die Hochgeschwindigkeitsstrecke von Paris nach Bratislava, an der Stuttgart liegt, gebaut werde.

Die EU-Kommission habe sich in den Streit um Stuttgart 21 eingeschaltet und den Bau der Schnellbahnstrecke von Stuttgart nach Ulm für unverzichtbar erklärt, hieß es in Meldungen und Berichten. Das stimmt nicht ganz: Die Kommission ist für den Bahnhof gar nicht zuständig. Sich in den Bahnhofsstreit einzumischen, könne nicht die Absicht des Kommissars gewesen sein, erfuhr ZEIT ONLINE aus seinem Umfeld.

Auch Kallas’ Sprecherin relativierte seine Worte: "Die Entscheidung über Art und Bauweise der Bahnhöfe obliegt allein den Mitgliedsländern", sagte sie auf Nachfrage. Der EU-Kommission sei lediglich "extrem wichtig", dass die Lücken auf den Schnellfahrstrecken zwischen Stuttgart, Wendlingen und Ulm geschlossen würden.

Die Bahntrasse von Paris nach Bratislava ist Teil eines Schwerpunktprogramms der EU, zu dem Straßen, Häfen, der Flugverkehr und das Schienennetz gehören. In einer Entscheidung von 2004 werden insgesamt 30 Großprojekte aufgelistet, mit deren Bau noch vor 2010 begonnen werden sollte. Unter Nummer 17 ist die Bahnstrecke von Stuttgart nach Ulm zu finden, die im Rahmen der Bauarbeiten für Stuttgart 21 neu gebaut werden soll. Dafür hat die EU-Kommission mehr als 215 Millionen Euro zur Verfügung gestellt.

Mit dem Neubau soll ein Teilstück des bisherigen Trassenverlaufs, die Geislinger ( # ) Steige, umgangen werden. Denn der Aufstieg zur schwäbischen Alb ist ein Nadelöhr für die ICE-Züge der Bahn, die auf dem steilen und kurvenreichen Abschnitt nicht schneller als 70 Kilometer pro Stunde fahren können. Die Hälfte der 60 Kilometer langen Neubaustrecke soll in Tunneln verlaufen.

Um, wie von der EU verlangt, die Lücke auf der Achse Paris-Bratislava zu schließen, bräuchte man den neuen Tiefbahnhof nicht, argumentieren die S-21-Gegner. Auch ihr Alternativkonzept, der Kopfbahnhof 21, könne die neue Strecke bedienen.

Die Proteste gegen den Bahnhofsbau in Stuttgart haben aber überdeckt, dass es auch an den Plänen für Neubaustrecke nach Ulm grundsätzliche Kritik gibt. Matthias Lieb, Landesvorsitzender des Verkehrclubs Deutschland (VCD) in Baden-Württemberg nennt sie ein "falsches Projekt zur falschen Zeit". Auch in den neuen Tunneln müssen die Züge hinter Stuttgart auf die schwäbische Alb hinauf, nur um kurz vor Ulm wieder ins Tal zu fahren. "Für ICEs bedeutet das einen enormen Energieverbrauch, für heutige Güterzüge ist die Steigung nicht zu schaffen", sagte Lieb ZEIT ONLINE.

Der Abschnitt zwischen Stuttgart und Ulm würde also auch in Zukunft ein Engpass auf der Achse Paris-Bratislava bleiben. Ohnehin ist nicht ganz klar, warum die Europäische Kommission so sehr auf dem Projekt beharrt. Für den Grünen-Europaabgeordneten Michael Cramer ist die Achse "völlig verrückt". Sie sei für den Güterverkehr nicht geeignet und würde ohnehin wenig genutzt.

Stattdessen sollten EU und Bundesregierung sich darauf konzentrieren, die viel häufiger befahrene Nord-Süd-Achse von Rotterdam nach Genua durchgehend zu modernisieren. Zu dieser Strecke, die zwei der wichtigsten Häfen Europas verbindet, gehört auch der Schweizer Gotthard-Tunnel, wo am Freitag der Durchstich gelang. Doch anders als in der Schweiz kommt der Ausbau dieser Magistrale in Deutschland nicht voran.