Frage: Herr Ministerpräsident, wann haben Sie das letzte Mal demonstriert?

Stefan Mappus: Anfang der achziger Jahre. Damals musste Helmut Kohl den Massenprotesten gegen die Nato-Nachrüstung widerstehen. Um ihn zu unterstützen, ging die Junge Union auf die Straße, auch wenn wir gegenüber den Friedensbewegten ziemlich hoffnungslos in der Minderheit waren. Aber wir waren von der Sache überzeugt, ließen uns nicht unterkriegen – und die Geschichte hat uns recht gegeben.

Frage: Denken Sie in letzter Zeit oft an Kohl?

Ich halte Stuttgart 21 für richtig, und ich will dieses für Baden-Württemberg und die Stadt Stuttgart so wichtige Zukunftsprojekt durchsetzen.
Stefan Mappus, Baden-Württembergs Ministerpräsident

Mappus: Natürlich. Helmut Kohl ist bis heute eine Art Vorbild für mich, und ich bin sehr froh, dass ich ihn ab und zu besuchen darf. Eines bewundere ich ganz besonders: seine Standfestigkeit. Wenn Kohl eine Linie als richtig erkannt hatte, dann verfolgte er sie konsequent. Er gab auch dann nicht nach, wenn in der Union zunächst nicht alle seiner Meinung waren und er außerhalb der Partei attackiert wurde.

Frage: Sich durchsetzen, gegen alle Widerstände – macht das einen großen Politiker aus?

Mappus: Ein großer Politiker ist einer, der es schafft, auch dann seine Linie zu halten, wenn es eng wird, und der am Ende recht behält. Das alles gilt für Helmut Kohl.

Frage: Ist Stuttgart 21 für Stefan Mappus, was für Helmut Kohl der Nato-Doppel-Beschluss war – eine Prüfung?

Mappus: Das kann und darf man in seiner Tragweite nicht vergleichen. Bei Stuttgart 21 geht es nicht um Krieg und Frieden. Ich halte Stuttgart 21 für richtig, und ich will dieses für Baden-Württemberg und die Stadt Stuttgart so wichtige Zukunftsprojekt durchsetzen.

Frage: Obwohl es Sie die Macht kosten kann?

Mappus: Ich will den Skeptikern das Projekt so vermitteln, dass sich diese Frage nicht stellt.

Frage: Glaubt man den Umfragen, dann müssen Sie wegen Stuttgart 21 damit rechnen, Ihr Amt an Winfried Kretschmann von den Grünen zu verlieren.

Mappus: Umfragen sind keine Wahlergebnisse. Die liegen am 27. März um 18 Uhr vor. Natürlich wurde das Vorhaben lange Zeit schlecht kommuniziert. Wir hätten in den letzten Jahren nicht darauf verzichten dürfen, die Argumente, die für Stuttgart 21 sprechen, auch offensiv zu vertreten, Skeptiker ernst zu nehmen und Gegnern in der Sache entgegenzutreten. Das muss man selbstkritisch sagen. Das gehört übrigens auch zu einem guten Politiker: Er muss Fehler eingestehen können.

Frage: Was haben Sie in letzter Zeit gelernt?

Mappus: Ich habe mir x-mal den Kopf darüber zermartert, warum es zu einer derartigen Emotionalisierung kommen konnte. Ich bin unter anderem zu der Erkenntnis gelangt, dass Großprojekte heute ganz anders begründet werden müssen als früher. Gerade weil Projekten jahrelange Verfahren vorausgehen, muss man die Menschen dauerhaft mitnehmen und überzeugen. Man darf nicht glauben, alles sei gegessen, weil es irgendwann einmal große Zustimmung gegeben hat. Da hat Heiner Geißler völlig recht. Viele Demonstranten waren ja noch Kinder, als Stuttgart 21 beschlossen wurde. In einer Demokratie darf man sich nicht darüber beschweren, dass Bürger kritisch sind. Im Gegenteil: Kritik ist wünschenswert.

Frage: Das ist neu: Stefan Mappus zeigt plötzlich Verständnis für die Demonstranten …

Mappus: Es ist ein Sieg der Demokratie, wenn Menschen für und wider demonstrieren, sich emotional engagieren, und am Ende eines Prozesses beide Seiten wieder versöhnt sind. Das Projekt muss so gut erklärt sein, dass alle sagen: Mit den Fakten können wir leben. Genau das ist der Sinn des Schlichtungsverfahrens, das am Freitag begonnen hat: Emotionen runter, Sachargumente rauf. Alle sitzen am Tisch, alles kommt auf den Tisch.

Frage: Dann kann es Ihnen nicht gefallen, wenn Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) gegen begüterte Stuttgarter Eltern wettert, weil sie ihre Kinder gegen Stuttgart 21 demonstrieren lassen.

Mappus: Ich rate allen dazu, die Friedenspflicht einzuhalten, wie von Heiner Geißler vorgeschlagen. Kommentare, die die Erregung hochtreiben, egal von wem, tragen nicht zur Lösung bei.

Frage: Kann es am Ende des Schlichtungsverfahrens einen Kompromiss geben?

Mappus: Es gibt einen Bahnhof natürlich nur unten oder oben. Man kann Stuttgart 21 bauen oder eben nicht. Ich sage: Wir bauen. Was wir aber machen können und nach meiner Überzeugung müssen, ist die Bürger breit an der Entscheidung zu beteiligen, wie die 100 Hektar in der Stuttgarter Innenstadt bebaut werden sollen, die im Zuge von Stuttgart 21 frei werden. Wir müssen uns davor hüten, dass dieses Areal ohne Rücksicht auf die Belange der Bürger von privaten Investoren zugeklotzt wird. Wir sollten im Gegenteil ein Bürgerprojekt daraus machen. Ich könnte mir vorstellen, dass am Ende Bauten entstehen, die auch ökologisch vorbildhaft sind. In vielen Gesprächen mit Skeptikern habe ich gespürt, dass viele von ihnen Angst vor einer gewissen Gigantomanie haben.

Frage: Was wäre eigentlich, wenn Schlichter Geißler zu dem Ergebnis kommen würde, Stuttgart 21 besser bleiben zu lassen?

Mappus: Ich bin überzeugt, dass sich unsere Argumente im Wettbewerb mit denen der Gegner als die besseren herausstellen werden und Kritiker zumindest nachdenklich werden.