Die Untersuchung von im Reagenzglas erzeugten Embryonen sorgt in der schwarz-gelben Regierung für kontroverse Debatten. Am Wochenende hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ein Verbot der sogenannten Präimplantationsdiagnostik (PID) gefordert – und riskiert damit den nächsten Koalitionskrach. Denn die FDP macht deutlich, dass sie ein Verbot nicht mittragen würde. Die Liberalen wollen sich nach Angaben führender Parteimitglieder stattdessen weiter dafür einsetzen, dass Familien, in denen schwere genetische Schäden aufgetreten seien, die PID nutzen können.

Bei dieser Art der pränatalen Medizin werden im Reagenzglas erzeugte Embryonen schon vor der Einpflanzung in den Mutterleib auf mögliche Schäden untersucht. In Deutschland galt die Methode bisher als durch das 1990 erlassene Embryonenschutzgesetz verboten. Der Leipziger Bundesgerichtshof verwarf jedoch vor drei Monaten diese Rechtsauffassung. Seitdem ist die PID hierzulande de facto erlaubt .

Auf diesen Richterspruch beruft sich FDP-Fraktionschefin Birgit Homburger. Sie verweist darauf, das Leipziger Gericht habe in seinem Urteil befunden, dass die PID nicht verboten sei. "Und das ist auch gut so", sagte sie der Passauer Neuen Presse . Wenn die Medizin heute in der Lage sei, "im Vorfeld schwere Krankheiten zu erkennen und damit unnötiges Leid zu ersparen, dann sollten wir dieses Wissen nutzen".

Ein neues Gesetz zur PID könnte endlich einen ethischen Rahmen schaffen. Sven Stockrahm kommentiert die aktuelle Debatte © Michal Cizek/AFP/Getty Images

Ähnlich hatte sich Generalsekretär Christian Lindner geäußert. "Für die FDP kann ich ein striktes Verbot der PID ausschließen." Er bedauerte, "dass die Bundeskanzlerin als Naturwissenschaftlerin die Chancen dieser Methode nicht stärker würdigt". Im Übrigen ende in dieser ethischen Frage die Richtlinienkompetenz der Kanzlerin. "Wenn durch die PID Kinderwünsche erfüllt und gleichzeitig schwerste Gend efekte vor der Einpflanzung in die Gebärmutter verhindert werden können, dann ist das ethisch sinnvoll.

Bereits vergangene Woche hatte die FDP deutlich gemacht, dass die Partei eine Regelung der umstrittenen Gentests an Embryonen notfalls auch mit Stimmen der Opposition durchsetzen will. Angesichts des heftigen Widerstands werde man den Koalitionszwang im Bundestag bei einer entsprechenden Abstimmung aufheben. Es handle sich um eine ähnliche Gewissensentscheidung wie bei der Stammzellforschung, sagte Lindner.

Die CDU hatte ihre Haltung – für ein Verbot der Gentests an Embryonen – in ihrem Grundsatzprogramm festgeschrieben. Doch selbst in der eigenen Partei trifft Kanzlerin Merkel mit ihrem Vorstoß auf Gegenwehr. So sagte der frühere Generalsekretär und jetzige Chef der NRW-Landesgruppe der CDU im Bundestag, Wirtschafts-Staatssekretär Peter Hintze, ein solches Verbot "wäre ein Verstoß gegen die Moral, es wäre ein Verstoß gegen die Menschenwürde, es wäre ein Verstoß gegen die humanitäre Vernunft". Gentests seien eine Hilfe, um Eltern das Ja zum Kind zu erleichtern. "Ein gegen eine Frau gerichteter Implantationszwang einer schwer belasteten befruchteten Eizelle ist mit unserer Verfassungsordnung nicht vereinbar."

Selbst Merkels Kabinettskollegin, die CDU-Familienministerin Kristina Schröder, hatte sich skeptisch zu einem grundsätzlichen Verbot der Tests geäußert. Sie hielte es für einen Widerspruch, einem Paar einerseits den Test zu verbieten, Spätabtreibungen bis zum neunten Monat aber unter bestimmten Umständen zuzulassen, sagte sie.

Der Unterstützung der katholischen Kirche kann sich die CDU-Chefin aber sicher sein. "Die Selektion extrakorporal erzeugter Embryonen ist ein massiver Verstoß gegen Buchstaben und Geist von Grundgesetz und Embryonenschutzgesetz", sagte Anton Losinger. Der Weihbischof forderte, die sich durch das Urteil ergebenden Lücken im Gesetz zu schließen – etwa durch ein Verbot der PID. Eine begrenzte Zulassung sei nicht möglich. Denn wo es um Lebensrecht und Menschenwürde gehe, dürfe es keine Kompromisse geben.