Adnan Dayankac ist ein engagierter Mensch. Als Sohn eines türkischen Gastarbeiters lebt er seit 40 Jahren am Opel-Standort Rüsselsheim. Der 48-Jährige ist Vorsitzender des örtlichen Ausländerbeirates. Dayankac kennt die Probleme der vielen Migrantenfamilien im Rhein-Main-Gebiet, und er will, dass endlich die Politik darauf reagiert. "Aber unsere Interessen finden sich bei den etablierten Parteien oftmals nicht wieder", sagt er.

Mit seiner Migranten-Wählergruppe Internationale Demokratische Union will der Deutschtürke daher im März bei den hessischen Kommunalwahlen für die Stadtverordnetenversammlung von Rüsselsheim kandidieren. 30 Mitglieder habe er für die Wählerliste bereits beisammen, erzählt er. "Fast alle von uns haben einen türkischen oder aber auch marokkanischen oder italienischen Hintergrund."

Rüsselsheim ist keine Ausnahme. Bei den Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen bewarb sich im Mai mit dem Bündnis für Innovation und Gerechtigkeit zum ersten Mal eine beim Bundeswahlleiter registrierte Partei von und für Migranten. Sie erreichte 0,2 Prozent der Stimmen.

Bereits ein Jahr zuvor war ihr Vorsitzender, Haluk Yildiz, mit einer ebenfalls türkischstämmigen Mitstreiterin in den Bonner Stadtrat eingezogen. Auch andere Migranten-Wählergemeinschaften versuchten 2009 ihr Glück im NRW-Kommunalwahlkampf. "In Bonn haben 25 Prozent der Einwohner einen Migrationshintergrund. Aber bisher hat sich das Stadtparlament nie mit deren Problemen beschäftigt", erklärt Yildiz seine Motivation.

Vor einer Woche soll sich außerdem eine Bremische Türkische Partei gegründet haben. Initiator Levent Albayrak erzählte in einem Fernsehinterview , dass er bei der Bürgerschaftswahl 2011 in Bremen für die Rechte der in der Hansestadt lebenden Türken kämpfen wolle. Auf Anfrage von ZEIT ONLINE zeigt sich Albayrak inzwischen verstimmt über den überregionalen Medienrummel um seine Person. "Sie sollten mal lesen, was es für negative Reaktionen auf die angebliche Türkenpartei in den Internetforen gab", sagt er besorgt.

Von dem pathetisch anmutenden Namen seiner Organisation will er daher nichts mehr wissen. "Es gab nie eine Bremische Türkische Partei", behauptet der 38-Jährige. Allerdings sei es nach wie vor so, dass er und seine Freunde sich in der Lokalpolitik engagieren wollten.  "Wir sind fast 60 Leute, darunter viele Akademiker mit ausländischen Wurzeln. Wir wollen endlich die großen Integrationsprobleme unserer Landsleute angehen und ihnen bei ihrem Leben hier in Bremen helfen", sagt Albayrak. Als gut integrierte Akademiker seien sie doch authentische Ansprechpartner für die etablierten Parteien. Doch man käme nicht auf sie zu. "Es ist mir ein Rätsel, wen die fragen, wenn die Maßnahmen zur Integration planen", sagt Albayrak.

Aus Rüsselsheim berichtet Dayankac: "Als wir Kontakt mit den örtlichen Parteien aufnahmen, bekamen einige Angst, dass sie deutsche Wähler verlieren, wenn wir als Migrantenvertreter bei ihnen mitmachen." Also versuche es seine Wählergruppe nun auf eigene Faust. Zwei bis drei Sitze in der 45 Abgeordnete zählenden Rüsselsheimer Stadtverordnetenversammlung strebe er an, sagt Dayankac. Ein Wahlprogramm habe er allerdings noch nicht erstellt, auch eine Homepage gibt es noch nicht.

Für das politische Potenzial der Migranten interessiert sich inzwischen auch die Politikforschung. "Bei Kommunalwahlen treten seit einigen Jahren vermehrt Gruppierungen von Menschen mit Migrationshintergrund an", sagt die Politikwissenschaftlerin Karen Schönwälder vom Göttinger Max-Planck-Institut.