Die Kontroversen um das Bahnprojekt Stuttgart 21 beschäftigen die baden-württembergische Landesregierung nun bereits seit Wochen. Die gewalttätigen Polizeieinsätze gegen Demonstranten hatten den Druck noch einmal gefährlich erhöht . Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU) versucht daher jetzt offenbar, den größer werdenden Streit mit den Gegnern des milliardenteuren neuen Bahnhofs zu beruhigen. In einem Gastbeitrag für das Handelsblatt schrieb Mappus, er setze sich dafür ein, "dass gemeinsam über Möglichkeiten gesprochen wird, wie Optimierungen, Veränderungen und Verbesserungen erreichbar sind."

Zugleich widersprach Mappus Bahnchef Grube, der ein Widerstandsrecht gegen das Projekt nicht gegeben sieht , weil die Parlamente sich für den neuen Bahnhof entschieden hätten. "Die Versammlungsfreiheit und das Demonstrationsrecht sind wichtige Elemente unserer Demokratie", sagte der Politiker zu Bild am Sonntag . "Die überwältigende Mehrheit der Projektgegner macht, wie auch am vergangenen Freitag, friedlich vom Demonstrationsrecht Gebrauch, so wie es unser Rechtsstaat schützt", fügte er hinzu.

Der Sprecher des Bündnisses gegen Stuttgart 21, Axel Wieland, reagierte zurückhaltend auf Mappus' Verhandlungsangebot . Bei Gesprächen müsse "prinzipiell über das Projekt diskutiert werden, nicht nur über Details", sagte Wieland. Die Gegenseite sei "bisher nicht wirklich dialogbereit" und "trage ihre Bereitschaft zum Dialog nur vor sich her". Zu den Äußerungen von Bahnchef Grube sagte er, inzwischen seien "viele Fakten hinzugekommen, die jenen, die die Entscheidungen getroffen haben, nicht vorgelegen haben". Alle Fakten müssten auf den Tisch, "dann sind wir überzeugt, werden die Entscheidungen anders fallen", sagte Wieland.

Neben dem Signal für Verhandlungen versuchte Mappus zugleich, auch den zwischenparteilichen Konflikt mit den Grünen zu beruhigen. Er sagte, alle müssten zeigen, "dass sie verstanden haben, dass es um eine außerordentlich wichtige Sachfrage geht, die Streit verträgt, aber es geht nicht um Krieg oder Frieden". Zuvor hatte sich das noch anders angehört. Da hatte Mappus den Grünen vorgeworfen, sie würden dabei helfen, "eine außerordentliche Opposition zu organisieren, die so tut, als ob wir in einer Diktatur leben". Die Gegner versuchten den Eindruck zu erwecken, als werde hierbei entschieden wie im Dritten Reich. Dies sei eine inakzeptable Dimension. Auch Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg monierte, den Grünen entglitten wohl allmählich die Formen des Anstands. Sie zeichne nur die "bebende Unterlippe der Empörung" aus. In der Regierungsverantwortung würden die Partei jedoch stets versagen, fügte Guttenberg hinzu.

Grünen-Chef Cem Özdemir hatte Mappus nach den gewaltsamen Auseinandersetzungen vom Donnerstag vorgeworfen, er habe Blut sehen wollen. Am Wochenende entschuldigte sich Özdemir für diese Bemerkung, bekräftigte aber zugleich seine Kritik an dem Projekt. Mappus sagte, um die Lage zu entkrampfen, akzeptiere er Özdemirs Entschuldigung. Gleichwohl warf der CDU-Politiker den Grünen vor, das Thema ein halbes Jahr vor der Landtagswahl zu instrumentalisieren. Angesichts der aktuellen Umfragewerte war bis vor kurzem auch über ein schwarz-grünes Bündnis nach der Wahl spekuliert worden. Die Grünen liegen demnach derzeit auf Platz zwei hinter der CDU, die knapp zehn Punkte unter ihrem Ergebnis von 2006 liegt.

Auch die in Stuttgart wie im Bund mit der Union regierende FDP bemühte sich, die Wogen zu glätten. Die Bundestags-Fraktionsvorsitzende Birgit Homburger forderte ein neues Gespräch zwischen Befürwortern und Gegnern. "Ich schlage vor, dass es ein Mediationsverfahren gibt und man einen professionellen Streitschlichter sucht, der die Gespräche zum Laufen bringt", sagte sie. "Es muss auf die Demonstranten zugegangen werden."