Es war eine Machtdemonstration. Mindestens 50.000 Menschen hatten sich am Freitagabend im Stuttgarter Schlosspark versammelt. Sie kamen vor allem, um ihre Landesregierung in die Schranken zu weisen.

Die Botschaft, die sie Ministerpräsident Stefan Mappus und seinen Ministern sandten, lautete: Glaubt nicht, Ihr könntet diesen Protest kriminalisieren. Bildet Euch nicht ein, die Bürger würden es einfach hinnehmen, wenn Schüler und Rentner Polizeiknüppel zu spüren bekommen. Seid Euch sicher: Dieser Konflikt wird nicht zu lösen sein, indem man mit eiserner Härte schnelle Fakten schafft.

Seit Donnerstag dreht sich die Auseinandersetzung um Stuttgart 21 nicht mehr nur um das bauliche Großprojekt. Sie ist endgültig zu einem Kampf des Volks gegen die Arroganz der Macht geworden. Alle bedenkenswerten Sachargumente, die jetzt angeführt werden, treten dahinter zurück: Dass es Milliarden kosten würde, die Baupläne grundlegend umzuwerfen ; dass auch eine andere, vielleicht rot-grüne Landesregierung das Vorhaben aus rechtlichen Gründen nicht einfach abbrechen könnte.

Dieser Kampf könnte das Ende einer sechzigjährigen christdemokratischen Herrschaft im deutschen Südwesten bedeuten. Sechs Monate bis zur Landtagswahl sind zwar eine lange Zeit. Viele Wähler entscheiden erst in der letzten Woche vor der Abstimmung, oft sogar erst am Wahltag, wo sie ihr Kreuz machen.

Doch die aggressive Härte, mit der Mappus und vor allem sein Innenminister Heribert Rech den Polizeieinsatz verteidigten, verletzt auch die Vorstellungen ihrer christdemokratischen Anhänger von Anstand und Moral. Für eine Wahlniederlage würde schon ausreichen, wenn viele von ihnen einfach nicht zur Abstimmung gingen.

Es ist deshalb an Stefan Mappus, schnell und mit ehrlicher Absicht zum Dialog auf die protestierenden Bürger zuzugehen. Sonst wird er sein Amt verlieren.