Peter Altmaier wählte schon am frühen Morgen harsche Worte: "Parteitaktisch motiviert und politisch schädlich" nannte der Fraktionsgeschäftsführer der Union die Forderungen von Linkspartei und Grünen, den Polizeieinsatz von Stuttgart in einer Aktuellen Stunde im Bundestag zu debattieren. Altmaiers CSU-Kollege Hans-Peter Uhl sagte ZEIT ONLINE, er erkenne darin "das tölpelhafte Bemühen", aus dem Polizeieinsatz in Stuttgart ein Bundesthema zu machen.

Doch wenig später war es ausgerechnet die Bundeskanzlerin, die sich wieder über das umstrittene Bahnprojekt äußerte. Bei der Landtagswahl im März und den Bundestagswahlen stelle sich die Frage, wie zukunftsfähig das Land sei.

Schon um acht Uhr morgens hatten Oppositionsvertreter eine Sondersitzung des Innenausschusses einberufen, um die Regierungsvertreter über den Stuttgarter Polizeieinsatz zu befragen. Aus dem Berliner Reichstag heraus forderte der SPD-Abgeordnete Christian Lange den baden-württembergischen Innenminister Heribert Rech (CDU) zum Rücktritt auf. Grünen-Chef Cem Özdemir warf Rech vor, "Deutschland mit Putin-Russland" zu verwechseln.

Der Opposition hat die Polizei im Stuttgarter Schlossgarten einen Gefallen getan. Noch am Mittwoch wirkten SPD und Güne in der Debatte um die Hartz-IV-Reform wie Getriebene .

Dann kamen die Wasserwerfer und brachten die Bundesegierung in die Defensive. Plötzlich dreht sich die öffentliche Debatte nicht mehr um die Frage, wie viel Geld die Gesellschaft den Kindern armer Familien zugestehen will, sondern ob die Demonstrierenden Steine oder Kastanien auf Polizisten geworfen haben.

CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe warf dagegen den Grünen vor, verantwortungslos zu handeln und Propaganda zu betreiben. "Aus zahlreichen Verletzten mit abstrusen Vorwürfen an die Bundeskanzlerin politischen Vorteil ziehen zu wollen, ist zutiefst schäbig."

Doch die Retourkutsche kann kaum überdecken, dass während des Polizeieinsatzes Fehler gemacht wurden. Selbst Unionsabgeordnete ärgern sich über den Wasserwerfereinsatz: "Das hätte anders laufen müssen", sagte ein Parlamentarier aus Baden-Württemberg hinter vorgehaltenener Hand. Der Stuttgarter CDU-Bundestagsabgeordnete Stefan Kaufmann sagte ZEIT ONLINE: "Ob das verhältnismäßig war, das fragt man sich schon". Das sei besonders ärgerlich, weil die Polizei sich bisher zurückgehalten habe und den Protesten sehr bedacht entgegengetreten sei.

Diese Fragen muss sich natürlich zuerst der Innenminister in Baden-Württemberg stellen lassen. Doch sie könnten die Bundes-CDU früher oder später zwingen, von den Kollegen im Stuttgarter Landtag ein Bauernopfer zu fordern. Das könnte Heribert Rech sein, auch wenn das so offen noch niemand sagen will. Zu den Angriffen der Opposition auf Rech sagt der CSU-Politiker Hans-Peter Uhl: "Rücktrittsforderungen gegen Innenminister gehören zum politischen Ritual, manchmal berechtigt, manchmal nicht. Das wird man sich entwickeln sehen." Doch auch Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU) ist seit Donnerstagabend schwer angeschlagen.