Stuttgart muss noch üben

Die öffentliche Schlichtung im Konflikt um Stuttgart 21 könnte ein Beispiel geben für eine neue Form politischer Beteiligung , hatte Heiner Geißler vor der im Internet und Fernsehen übertragenen Debatte gesagt. Er jedenfalls wolle "die Bürger in die Lage versetzen, jederzeit selbstständig zu denken". Frei nach den Prinzipien der Aufklärung und des Philosophen Immanuel Kant bekämen die Zuschauer alle Fakten auf den Tisch gelegt und könnten sich dann ein eigenes Bild zum Konflikt rund um den Bahnhofsneubau machen.

Nach den ersten Stunden Live-Übertragung muss man feststellen: So einfach ist es leider nicht. Dennoch ist das Experiment nicht gescheitert, im Gegenteil. Denn es hat gezeigt, dass Gegner und Befürworter von S21 doch in der Lage sind, vernünftig miteinander zu reden.

Als Bahn-Vorstandsmitglied Volker Kefer am Rednerpult im Stuttgarter Rathaus sein Eingangsstatement hielt, konnte er ohne störende Zwischenrufe vortragen, warum Stuttgart 21 seiner Ansicht nach unverzichtbar ist. Mit zahlreichen Folien bemühte sich Kefer um Anschaulichkeit; viele neue Fakten trug er allerdings nicht vor. Später verlor er sich in einem Wust von Zahlen, mit denen er die wirtschaftliche Relevanz des Projektes beweisen wollte. Es kamen also Fakten auf den Tisch, aber so viele, dass der normale Zuschauer schnell überfordert war.

Ähnlich erging es allen, die wenig später den Vorträgen der Gegner des Bauvorhabens lauschten. Die Ausführungen von Gangolf Stocker und Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne) waren wenig strukturiert und setzten viel Vorwissen voraus. Nur ein Detailfuchs verstand zum Beispiel, was Stocker mit einer Grafik mit verwirrenden roten und grünen Zuglinien, Schnecken und Blitzen genau demonstrieren wollte.

 Geißler brilliert

Schlichter Heiner Geißler weiß natürlich, dass diese Detailflut ohne die notwendige Einordnung es schwer macht, aufklärerisch zu wirken. Mehrfach verwies er am Freitag auf die Zuhörer da draußen. "Bitte keine unverständlichen Abkürzungen". Die Bürger müssten verstehen, was besprochen werde. Nach den Eingangsstatements bemängelt er: "Das war jetzt sehr viel Zahlenmaterial." Hochkonzentriert, ruhig, sachlich und humorvoll versuchte der 80-Jährige eine klare Linie in die spätere Faktendiskussion zu bringen. Er fasste das langatmig vorgetragene Für und Wider zu einem einzelnen Punkt auch einmal in der einfachen Frage zusammen: "Also habe ich das richtig verstanden, das ist eher ein Argument für Stuttgart 21?".

So soll es sein. Doch leider liegt es in der Natur dieses Schlichtungsverfahrens, dass auch Fachfragen über "systembedingte Kreuzungen", "die Kapazitäten von Leichtgüterzügen", "durchgebundene Züge" und die "Geislinger Steige" erörtert werden müssen. Der Bürger versteht hier nur Bahnhof. Viele werden wieder abgeschaltet haben.

Dennoch ist es gut und wichtig, dass diese Schlichtung live übertragen wird. Für die Demokratie, weil die Fakten für jedermann öffentlich und künftig in den Filmarchiven abrufbar sein werden. Weil es in dem direkten Streitgespräch weniger einfach ist, Sachargumente hinter Worthülsen zu verstecken; vor allem wenn der Schlichter unbeirrt immer wieder nachfragt. Und schließlich, weil es genug Zuhörer gibt, die das erforderliche Wissen haben, um die Details zu decodieren.

Das zeigte am Freitag auch eine rege Diskussion auf Twitter . User aus der Region gaben dort ihre Meinung zur Richtigkeit der Argumente kund. Nicht alle waren objektiv, aber einen Erkenntnisgewinn hatte schon, wer es las. Der die Schlichtung übertragende Fernsehsender Phoenix hatte zudem Experten eingeladen, die in den Verhandlungspausen das Material für die Zuschauer einordneten.

Dieses Zusammenspiel zwischen Transparenz und Öffentlichkeit, der Diskussion im Schlichtungssaal und im Netz und der Einordnung durch Experten kann Wissen generieren. Es wird allen helfen, bald klarer zu sehen.