Eigentlich wollten wir mit der Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi an diesem Freitag über ihr Heimatland Iran sprechen. Doch dann kam es auf dem Leipziger Medienkongress zum Eklat: Aus Sicherheitsgründen war bis zum Morgen geheim gehalten worden, dass der Mohammed-Karikaturist Kurt Westergaard erscheinen und denLeipziger Medienpreisbekommen würde. Shirin Ebadi war empört. Wir haben sie nach dem Grund gefragt:

ZEIT ONLINE: Frau Ebadi, Sie haben vorhin während ihrer Rede mit deutlichen Worten dagegen protestiert, dass Kurt Westergaard zu dieser Veranstaltung in Leipzig eingeladen wurde. Was ärgert Sie daran so?

Shirin Ebadi: Ich protestiere gar nicht dagegen, dass Herr Westergaard eingeladen wurde, oder dass er gar mit einem Preis ausgezeichnet wird. Ich habe dagegen protestiert, dass ein Kongress, der für Meinungsfreiheit eintritt, selbst Zensur betreibt. Denn weder ich, noch Akbar Ganji (ein iranischer Journalist, der abreiste, als er von Westergaard erfuhr; die Red.) wurden darüber informiert, wen man da als Preisträger ausgewählt hatte. Ist es richtig, mich einzuladen, aber mir wichtige Fakten vorzuenthalten?

ZEIT ONLINE: Wären Sie gekommen, hätten Sie es vorher gewusst?

Shirin Ebadi: Ich wäre gekommen und zwar mit derselben Rede, die ich eben gehalten habe. Ich bin der Meinung, dass die Meinungsfreiheit einen hohen Respekt genießen muss, sie stößt gleichwohl aber auch an Grenzen. Ihr Rahmen wird durch die Menschenrechte bestimmt. Im Zuge der Islamfeindlichkeit in einigen europäischen Ländern, wurde hier eine beleidigende Karikatur des Propheten Mohammed gezeichnet. Paragraf 20 des Internationalen Paktes für bürgerliche und politische Rechte , den auch die Bundesrepublik unterzeichnet hat, sagt aber: Das Schüren von Hass unter ethnischen und religiösen Minderheiten, wie es Herr Westergaard getan hat, ist verboten.

ZEIT ONLINE: Heißt das, dass Sie die Wut in einigen islamischen Ländern, die bis hin zu Mordversuchen an Westergaard ging, verstehen?

Shirin Ebadi: Ich heiße keinesfalls diese aggressiven Manieren gut. Jeder, der seine Meinung äußern will, muss das auf friedlichem Wege tun. Sobald jemand Gewalt anwendet, wird auch sein Ruf nach Recht und Gerechtigkeit nicht mehr gehört. Es wäre sinnvoll gewesen, wenn die Muslime ihre Ziele auf juristischem Wege verfolgt hätten.

ZEIT ONLINE: Sprechen wir über unser eigentliches Thema, ihr Heimatland. Sie beschreiben in Ihrer Autobiografie Ihre Kindheit und Jugend in Teheran. Das Kapitel liest sich, als wäre Teheran damals eine verhältnismäßig liberale Stadt gewesen. Glauben Sie, dass eine solche Zeit noch einmal wiederkommen wird?

Shirin Ebadi: Aus meinem Buch geht an keiner Stelle hervor, dass zu Schah-Zeiten Liberalität und Demokratie geherrscht hätte. Die Menschen haben den Schah aus dem Amt gejagt, weil sie Unabhängigkeit und Freiheit wollten. Mehr als 30 Jahre sind seitdem verstrichen, unser Ziel haben wir noch nicht erreicht. Wir waren weder zu Schah-Zeiten frei, noch in Zeiten der Islamischen Republik.

ZEIT ONLINE: Etwas mehr als ein Jahr ist es her, seit die Grüne Bewegung versuchte, dieses von ihnen beschriebene Ziel zu erreichen. Was ist in diesem einen Jahr geschehen?

Shirin Ebadi: Leider wurden in Iran 2009 die meisten Journalisten inhaftiert. Auf der Liste von Reporter ohne Grenzen belegt Iran Platz 171 von 173. Zurzeit ist die Elite unserer Journalisten im Gefängnis.

ZEIT ONLINE: Was wurde aus der Bewegung?

Shirin Ebadi: Die grüne Freiheitsbewegung verfolgt ihre Ziele weiter und wird täglich stärker werden. Die Menschen werden täglich unzufriedener, weil zusätzlich zu den Menschenrechtsverletzungen auch enorme wirtschaftliche Probleme hinzugekommen sind. Die Preise steigen, die Menschen werden jeden Tag ärmer. Das sorgt für mehr Widerstand und Opposition innerhalb der Bevölkerung.

ZEIT ONLINE: Was kann der Westen tun, um der Opposition zu helfen?

Shirin Ebadi: Ich will keine Militäraktion gegen Iran. Ich bin ebenfalls gegen wirtschaftliche Sanktionen, die in erster Linie das Volk treffen. Es würde schon reichen, wenn Europa den Präsidenten Mahmud Ahmadineschad nicht länger stärkt und stützt. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat die deutlichste Kritik an ihm geäußert. Aber kurioserweiser hat Deutschland im letzten Jahr die meisten Wirtschaftsprojekte mit Iran vereinbart. Sobald Frau Merkel am Vertragstisch sitzt, vergisst sie die Menschenrechte.

Das Gespräch führte Carsten Lißmann