Brauchen Sie noch eine Illusion? Im Wendland sind gerade welche abzugeben. Gebraucht zwar, aber noch ganz hübsch. Man könnte zum Beispiel daran glauben, dass Gorleben nicht mehr als Endlagerstandort in Betracht kommt, wenn die Bauern nur laut genug hupen. Oder dass diese Bundesregierung ihre Atompolitik ändert, wenn Sitzblockierer den Transport ordentlich teuer machen. Oder dass Kraftwerke wegen überlaufender Müll-Zwischenlager abgeschaltet werden müssen, weil elf Castoren gestoppt werden. Greifen Sie nur zu, so billig war das lange nicht mehr zu haben.

Aber Vorsicht: Illusionen sind wie Seifenblasen. Also bitte nicht trübsinnig werden, wenn sie platzen. Die Zwischenlager für hochradioaktiven Müll, die an deutschen Kernkraftwerken angelegt wurden, können locker den gesamten Müll aufnehmen, der während der verlängerten Laufzeit anfallen wird . Kein Handlungsbedarf also für die Regierung, sich mit dem Protest konstruktiv auseinanderzusetzen. Und welche deutsche Kommune hatte sich noch gleich gemeldet, weil sie so gerne das bessere Endlager beherbergen würde? 

Ach ja, die Kosten. Vielleicht provozieren sie in Berlin sogar ein Schulterzucken. Der Polizeieinsatz kostet bis zu 25 Millionen Euro, zahlen muss das anfordernde Land, also Niedersachsen. Dort klagt Ministerpräsident David McAllister (CDU) – nicht wegen der Atompolitik natürlich, sondern wegen des Geldes. Und muss sich vom bayerischen Innenminister Joachim Herrmann (CSU) vorrechnen lassen , dass sich die Polizeikosten leicht ausgleichen, wenn man die Einsätze von Beamten aus dem Norden in Bayern damit verrechnet. Die Atomkonzerne verdienen übrigens an jedem abgeschriebenen Kraftwerk täglich eine Million Euro. Selbst wenn sie zahlen müssten, knabbert der Protest höchstens an ihrer Portokasse.

Nicht falsch verstehen, der Widerstand im Wendland ist aller Ehren wert. Doch so schön die Bilder sind, die er produziert: Er spielt auf dem falschen Feld. Das wahre Problem sitzt im Kanzleramt. Es sind Angela Merkel und ihre Regierung, die kein belastbares Konzept für die Zukunft der Energieversorgung in Deutschland vorgelegt haben. Es ist die schwarz-gelbe Koalition, die lieber ihre Atom-Klientel bedient als eine lebensdienliche Energiepolitik zu betreiben. Auf lustige Folklore, ob Katz-und-Maus-Spiele im Wald oder Sitzblockaden, wird sie kaum Rücksicht nehmen. Also lasst den Schotter liegen und zieht nach Berlin. 50.000 Menschen haben in Dannenberg demonstriert. 50.000 bis 100.000 aber waren im September schon einmal im Regierungsviertel. Sie wussten: Im Zentrum der Macht gibt es mehr zu verändern.