Bei Protesten gegen den Castor-Transport ist es im Wendland zu Ausschreitungen gekommen. In der Nähe von Leitstade versuchten Castor-Gegner, Schottersteine zu entfernen und die Gleise zu unterhöhlen, auf denen der Zug nach Dannenberg fahren muss. Nach Polizeiangaben haben rund 250 Atomkraftgegner auf einer Länge von sechs Metern das Gleisbett beschädigt. 3000 bis 4000 Demonstranten standen den Polizeibeamten gegenüber, die Pfefferspray und Schlagstöcke benutzten. Die Einsatzkräfte seien ihrerseits mit Signalmunition und Knallkörpern angegriffen worden, teilte die Polizei mit.

Den Einsatz von Wasserwerfern bestätigte die Polizei zunächst nicht. Ein Reporter von Reuters berichtete jedoch, dass Wasserwerfer im Wald an der Bahnstrecke zu sehen und auch im Einsatz waren. Bei Leitstade brannte demnach ein Räumfahrzeug der Polizei.

Der Castor-Transport erreichte kurz vor 16 Uhr Lüneburg. Er hatte dort nach zahlreichen Protestaktionen etwa elf Stunden Verspätung. Der Zug mit elf Castor-Behältern mit hochradioaktivem Atommüll sollte von dort auf dem letzten 54 Kilometer langen Gleisabschnitt zur Umladestation Dannenberg weiterfahren. Dort versuchten am Nachmittag nach Polizeischätzung mehr als 5000 Demonstranten , die Gleise zu erreichen.

"Es beteiligen sich deutlich mehr Menschen, als wir gedacht haben", sagte ein Sprecher des Lagezentrums der Polizei in Lüneburg. Die Gesamtlage vor Ort sei "aggressiver als wir uns das erhofft haben". Die Initiativen der Atomkraftgegner gingen von noch mehr Aktivisten aus und schätzten, dass bereits 5000 Demonstranten direkt am Gleis sind. Dies bestätigte die Polizei aber nicht. Es habe am Nachmittag erneut Ausschreitungen gegeben aber nicht in dem Ausmaß wie am Morgen, sagte der Sprecher weiter.

Die elf Castor-Behälter mit Atommüll müssen in Dannenberg für den letzten 19 Kilometer langen Abschnitt auf der Straße auf Lastwagen umgeladen werden. Vor dem Zwischenlager in Gorleben ließen sich laut Polizei noch einmal rund 1500 Demonstranten zu einer Sitzblockade nieder. Wegen der stundenlangen Umladezeit in Dannenberg dürfte der Transport aber frühestens am Montag im Laufe des Tages am Atommüll-Zwischenlager Gorleben eintreffen.

In Dannenberg lösten Sicherheitskräfte eine Traktor-Blockade von Bauern auf der möglichen Castor-Strecke auf. Die vier in Dannenberg-Splietau ineinander verkeilten Traktoren seien sichergestellt worden, sagte ein Polizeisprecher. Zudem sollten 50 Traktoren, die an der Straße standen, entfernt werden.

In der Nacht musste der Zug mit den elf Castoren in Hessen seine Fahrt unterbrechen, weil zwei Atomkraftgegner sich in Altmorschen bei Melsungen von einer Brücke über der Bahnstrecke abgeseilt hatten. Sie enthüllten ein Transparent mit der Aufschrift "Castor stoppen". Im Schneckentempo fuhr der Zug später weiter - nur wenige Meter darüber hingen die Castor-Gegner. Sie wurden später in Gewahrsam genommen.

In der Nacht sei es im Wendland ruhig geblieben, sagte eine Polizeisprecherin. Bereits am Samstag hatten Zehntausende Menschen in Dannenberg gegen den Transport und die Atompolitik der Bundesregierung demonstriert.

Nach dem bisherigem Plan sollen die Castoren im Verladebahnhof von Dannenberg auf Tieflader gehievt und das letzte Stück auf der Straße ins Zwischenlager Gorleben gebracht werden. Der Zug war am Freitag in Frankreich gestartet.

Niedersachsens Ministerpräsident David McAllister (CDU) forderte im Deutschlandfunk unterdessen eine gerechtere Verteilung der Lasten, die durch die Absicherung der Transporte entstehen. Er beklagte, dass sein Land zwar seine nationale Aufgabe erfülle, aber allein für die 20 bis 25 Millionen Euro aufkommen müsse, die der Polizeieinsatz je Castor-Transport koste. "Das ist und bleibt eine Ungerechtigkeit", sagte der CDU-Politiker. Die Polizei ist mit 17.000 Beamten im Einsatz.

McAllister befürwortete zugleich die Verlängerung der Laufzeiten der Atomkraftwerke, die der Bundestag mit schwarz-gelber Mehrheit beschlossen hat. Bei den Atomkraftgegnern hat diese Entscheidung allerdings die Proteste verstärkt: Nach Angaben der Veranstalter nahmen am Samstag an der zentralen Kundgebung in Dannenberg rund 50.000 Menschen teil – das wären so viele wie nie seit dem ersten Castor-Transport im Jahr 1995. Die Polizei ging dagegen lediglich von mehr als 25.000 Teilnehmern aus.